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Mittwoch, 26. August 2009 09:53 Uhr
Kategorie: Klima Leben, Interview, TopThema

Von: Sibylle Bauschinger

„Der Mensch ist doch eigentlich ein cleveres Kerlchen“

Der Musiker Clueso alias Thomas Hübner arbeitet lieber in einem alten Bahnhofsgelände als in einem schicken Neubau. Warum der nachdenkliche Künstler öfter mal einen anderen Weg einschlägt erzählt er im care&click Interview.

Bild: fourmusic

care&click: So sehr dabei ist der Titel deines neuesten Albums. Bedeutet das vielleicht den Startschuss für ein Klimaschutz Weltengagement?

 

Clueso: (lacht) Naja, also es geht mehr darum, dass wir Freunde gefunden haben, mit denen wir all das selber gestalten, was andere Leute sonst immer gestalten lassen. Und da ist das Thema Nachhaltigkeit auf jeden Fall nicht kleingeschrieben.

 

Findest du, dass ein Künstler eine Botschaft transportieren sollte?

 

Natürlich! Also für mich ist das der Sinn und Zweck des Ganzen. Denn wer eine Botschaft hat, der kämpft nicht nur für sich selber. Und so gab es sicherlich schon immer Leute, die sich vielleicht auf eine Obstkiste gestellt und gesagt haben: „Hey Leute, hört mal zu, wir müssen nicht alle in die Richtung laufen. Lasst doch mal gucken, vielleicht geht es ja auch da lang“, oder so. Das gab es schon immer. Ich finde, Künstler sollten als Spiegel für die Gesellschaft eine Orientierung geben. Dafür sind sie da. Doch leider geht das heutzutage ein bisschen unter. Wenn man so will herrscht ein System vor, das keine Alternativen mehr bietet, und das macht mir persönlich Angst.

 

Das merkt man durchaus auch auf der Platte. Der Titel Utopie zum Beispiel handelt von solchen Zukunftsängsten. Was wäre denn deine Vorstellung einer besseren Zukunft?

 

In meiner Vorstellung sollte man sich darauf konzentrieren, wie Kinder denken und wie nah man sie ins Leben begleiten kann. Das wird meiner Meinung nach total verkannt. Wir wachsen in einem Schulsystem auf, das am Leben vorbeigeht. Wir wachsen in einer Marmor-,Glas- und Arbeitswelt auf und leben quasi am Leben vorbei. Es läuft einfach überhaupt nichts im Einklang, und das wird sicherlich Folgen haben. Inspiriert zu dem Titel hat mich der Film Metropolis. Ein Schwarz-Weiß Film von 1927, der eine Utopie beschreibt, die sehr nah an der Realität und der Gesellschaft von heute ist. Es gibt eine Klassengesellschaft, die Arbeiter werden ganz unten in der Fabrik abgestellt und man wohnt irgendwo in einem riesigen Hochhaus. So sehen doch viele Städte heute aus.

Wenn ich mir dann aber überlege, was wir uns heute als Utopie vorstellen, also zum Beispiel, was alles passieren kann, dann merke ich, dass der Mensch doch ein recht cleveres Kerlchen ist. Aber er bräuchte mal wieder eine auf die Mütze, damit er kapiert was es heißt wieder im Einklang mit seiner Umgebung zu sein. Wir leben über unsere Verhältnisse und Ressourcen. Die Welt kommt eigentlich gar nicht nach, um das wieder herzustellen, was wir im normalen Leben alles verbrauchen. Wir spielen mit der Zukunft unserer Kinder russisches Roulette. Das ist doch eigentlich ziemlich pervers.

 

Du scheinst ja sowieso ein sehr engagierter Mensch zu sein. Das zeigt sich bei deinem Engagement für das Goethe Institut genauso wie bei Benefizauftritten, zum Beispiel für die Initiative viva con agua. Fühlt es sich denn anders an, wenn man für den guten Zweck spielt?

 

Hm, ja und nein. Es fühlt sich für mich nur insofern anders an, wenn die Typen, die das gestalten, cool sind. Wenn jetzt irgendwer dahergelaufen käme und fragen würde, ob wir nicht mal für ´nen guten Zweck spielen könnten und der Typ aber langweilig ist, dann wird auch das Konzert sicherlich nicht besonders. Bei viva con agua sind es einfach Typen, die eine bestimmte Energie mitbringen. Mag schon fast etwas sektenhaft wirken, wenn man nicht selber dabei war. Aber wenn tausende Leute hintereinander „viva con agua“ schreien, dann gibt es mir das Gefühl, etwas bewegen zu können. Bis jetzt haben wir bereits zwei Brunnenprojekte in Nicaragua und Ruanda unterstützt, und nächstes Jahr geht es in Madagaskar weiter.

 

Ein Teil des Konzertes bei eurer aktuellen Tour spielt ihr in einer Akustikbesetzung, bei der unter anderem Schlagzeuger Paul sein Kinderschlagzeug aus dem Keller wieder neu verwertet. Ist das dann so eine Art musikalischer Klimaschutz durch Wiederverwertung und Stromeinsparungen?

 

(lacht) Könnte man meinen, klar. Da die Leute alles hineininterpretieren dürfen was sie wollen, dürfen sie das auch liebend gern als Wiederverwertung ansehen! Aber eigentlich haben wir es gemacht, um die Routine rauszunehmen und während dem Konzert wieder einen anderen Weg einzuschlagen. Wir möchten den Leuten einen kleinen aber feinen Moment schenken, an dem man sich insgesamt näher kommt. Ich weiß nicht, was die Leute denken, wenn ich auf die Bühne komme. Aber ich merke immer, dass da eine Distanz zwischen dem ist, was ich als Mensch für sie darstelle, und wer ich eigentlich bin. Und deshalb wollen wir mit der Intimität der Akustik diese „Diskrepanz“ ein wenig beheben.

 

Ungewöhnlich ist aber, dass du mit deiner Musikproduktionsfirma Zughafen nicht in einem hippen Berliner Neubau, sondern in einem ehemaligen Bahnhofsgelände in deiner Heimatstadt Erfurt gelandet bist. Wie kam diese Haltung „alt statt neu“ bei dir zustande?

 

Momentan rennen alle in die Großstädte und das nimmt anderen Stellen den Nährboden. Ich selber habe auch eine Zeit lang in Köln gelebt. Aber ich komme einfach mit diesen ganzen Großstädten nicht so klar. Ich habe dort das Gefühl, als würden viele Menschen als kleine Batterien verglühen….

 

…also fast wie in dem Film Metropolis?

 

Ja genau, wie in Metropolis! Sie investieren ihre Energie, nur um für andere das Licht am Glühen oder einen bestimmten Hype zu erhalten. Und damit komme ich nicht klar, weshalb ich versuche das Licht der Großstadt in die Kleinstadt zu bringen. Aber eigentlich ist es auch so ein „Zuhause-Ding“ gewesen.  Ich hatte brutales Heimweh. Ich bin wieder zurückgekommen und habe festgestellt, dass ich in der Kleinstadt sowohl für mich, als auch für meine Firma viel mehr Energie entwickeln kann.

 

Letzte Frage: Wenn Thomas D eine Pelletsheizung einbaut und beim Zähneputzen penibel darauf achtet, dass kein Wasser läuft, was macht dann Clueso auf Tour, um sein Klimagewissen zu beruhigen?

 

Hm…er duscht weniger.

 

Clueso, vielen Dank für das Gespräch.

 

 


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Kommentare

Gregor schrieb am 11.12.2008 08:51

Also, lasst uns alle öfters mal auf eine Obstkiste stellen, finde ich ein tolles Bild!



 

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