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Montag, 07. Dezember 2009 10:09 Uhr
Kategorie: Klima Leben, WorldChanging

Von: AS, AZ, NAB, SR/© KNESEBECK VERLAG

Den Konsum in Frage stellen

Unsere Welt ist klein und wird immer kleiner. Zu den positiven Auswirkungen gehört, dass es viel leichter geworden ist, soziale Netzwerke zu knüpfen, Geschäftsverbindungen einzugehen und Orte und Personen außerhalb unserer unmittelbaren Umgebung kennenzulernen. Unser Planet schrumpft aber auf andere Weise: Wir brauchen ihn auf.

WorldChanging

Jedes Jahr fällen wir mehr Wälder, lassen wir mehr Kühe weiden, fliegen und fahren wir noch mehr umher, werfen wir noch mehr Müll weg. Da wir jetzt schon mehr nehmen, als der Planet geben kann, hat die Natur mit jedem Jahr weniger in Reserve. Diese Entwicklung beschleunigt sich offensichtlich, und die Kluft zwischen nachhaltigem Wirtschaften und alltäglichem Konsum wird immer größer.

 

Für einen weniger belasteten Planeten und für verantwortliche Konsumenten gibt es die alles entscheidende Frage: Wie viel brauche ich wirklich? Das Verhältnis zwischen materiellem Wohlstand und allgemeinem Wohlbefinden sollte aneinander gekoppelt sein: Steigt das eine, so steigt auch das andere. Doch Wohlstand und Wohlbefinden wachsen nur bis zu einem gewissen Punkt gemeinsam an, bis sich das Bild umkehrt. Forschungen kommen zu dem Ergebnis, dass Glück in den meisten Kulturen größtenteils unabhängig von materiellem Luxus ist, einen gewissen Grundkomfort einmal vorausgesetzt.

 

Unseren persönlichen Konsum zurückzuschrauben, spart Geld und verbannt alle unnützen Dinge aus unserem Leben. Im Zeitalter von Megastores und viralem Marketing entscheiden sich viele für Quantität statt Qualität – angesteckt von Wahn, immer mehr immer billiger zu bekommen. Wenn wir bewusster einkaufen, bleibt uns mehr Spielraum, die Dinge, die uns umgeben, wertzuschätzen und wir haben mehr Freude an ihnen.

 

Der ökologische Fußabdruck

Ein einfaches Rechenbeispiel verdeutlicht, wie sich Milliarden Menschen einen kleinen Plane- ten teilen können: Man teile das nutzbare Gebiet der Erde durch die Zahl der Menschen, die ihn nutzen wollen. Das gibt uns ein Gefühl, wie groß gerechterweise der Anteil eines Menschen wäre. Fairerweise sollten wir aber nicht alles auf einmal aufbrauchen. Vielleicht möchten auch unsere Kinder und Enkelkinder noch atmen, essen und trinken. Wir sollten nur so viel nehmen, dass die Natur eine Chance hat, sich immer wieder zu regenerieren.

 

Wie viel Natur bekommt jeder ab? Wollen wir nur ein Minimum der natürlichen Vorräte verbrauchen und Umweltschäden vermeiden, sollten wir uns zuerst darüber klar werden, wie viel wir selbst zu den Problemen der Erde beitragen. Ein führender Denker in diesem Bereich, Mathis Wackernagel, hat Anfang der 1990er Jahre vorgeschlagen, dass wir unseren persönlichen Einfluss auf die Umwelt als eine Art Fußabdruck betrachten sollten. Die Fläche der Erde ist bekannt. Nach Abzug des größten Teils der Meeresflächen, Wüsten und des unfruchtbaren Landes bleibt die für den Menschen nachhaltig nutzbare Fläche. Fläche, die für Nahrungsmittelerzeugung, Siedlungsbau, Energiegewinnung – das zivilisierte Leben eben – gebraucht wird. Und wie viel von dieser Fläche bleibt für jeden einzelnen Erdbewohner? Beim Stand der jetzigen Erdbevölkerung bleiben gerade einmal 1,8 Hektar pro Mensch.

 

Unser »ökologischer Fußabdruck« steht für sämtliche Auswirkungen unserer ganz persönlichen Lebensweise, vom Essen und häuslichen Energieverbrauch bis zur Wahl der Transportmittel und unseres Wohnortes. Im Internet finden sich einfache Online-Fragebögen, die unseren individuellen Fußabdruck errechnen (www.earthday.net, www.latschlatsch.de oder www.fussabdruck.at). Dazu werden Informationen über unseren Lebensstil und unsere Gewohnheiten in einen Rechner eingegeben. Am Ende erhalten wir einen Wert, der unserem derzeitigen persönlichen Ressourcen- und Energieverbrauch in Landfläche umgerechnet entspricht. Das Ergebnis aus dem Fragebogen ist selbstverständlich nur symbolisch zu verstehen. Nach Angaben des Global Footprint Network (www.footprintnetwork.org), das in regelmäßigen Abständen den Living Planet Report veröffentlicht, beträgt der durchschnittliche ökologische Fußabdruck heute schon 2,2 Hektar pro Person. Aber nicht nur der Durchschnittswert zählt, denn manche von uns leben auf größerem Fuß als andere. Der durchschnittliche Amerikaner zum Beispiel verbrauchte im Jahr 2006 etwa 10 Hektar, ein Deutscher 4,6 Hektar, während ein Chinese nur 1,6 Hektar und ein Pakistani nur 0,6 Hektar benötigt.

 

Unser persönlicher Wert gibt uns eine Vorstellung davon, wie weit wir von einem verantwortlichen Umgang mit Ressourcen entfernt sind. Die riesigen Spuren der Industrienationen lassen wenig Raum für die immer größer werdenden Bedürfnisse der Entwicklungsländer. Unsere Menschheit verbraucht heute schon 25 Prozent mehr natürliche Ressourcen, als unser Planet Erde auf Dauer zur Verfügung stellen kann. Wir leben auf Kosten unserer Kinder und Enkelkinder. Wir sollten das Ergebnis aus dem Fragebogen als Denkanstoß nehmen, unser Verhalten analysieren und überlegen, wie wir unseren Konsum ökologisch verantwortlich gestalten und unseren Lebensstil anpassen können.

 

Tauschbörse »Freecycle.org«

Wie vermeidet man Müll und setzt ökologisches Denken in die Tat um? Über Freecycle.org, eine kostenlose internationale Internettauschbörse (www.de.freecycle.org) für die Dinge, die wir nicht mehr benötigen. Mitmachen ist denkbar einfach: Über eine E-Mail-Liste seiner örtlichen Freecycle-Gemeinschaft werden funktionsfähige Dinge angeboten, die ansonsten auf dem Müll landen. Inzwischen gibt es Hunderte solcher Listen in größeren und kleineren Gemeinden.

 

Man kann seine Kiste mit Computerkabeln auch im Internet versteigern, aber, ehrlich gesagt, kann man seine Zeit auch besser nutzen. Im Grunde geht es nur darum, dass diese Kabel nicht auf der Müllhalde landen. Vielleicht holt jemand nur ein Kabel bei uns ab, der Abfallberg ist jedenfalls kleiner geworden. Ein wunderbares Beispiel für ökologisch sinnvolles Geben und Nehmen.  

 

Die Qual der Wahl

Nach Ergebnissen der Glücksforschung (ja, es gibt tatsächlich Experten, die Glückswerte »messen«) sind wir heute weniger zufrieden als früher. Die Ursachen sind sorgfältig erforscht, und gut dokumentierte Erklärungen für dieses Phänomen sind natürlich ganz offensichtliche Gründe wie Hunger, Armut, Krankheit, Krieg. Überraschenderweise ist einer der Hauptgründe für die steigende Unzufriedenheit in Industrieländern jedoch das Überangebot – die »Qual der Wahl«. In den vergangenen Jahrzehnten haben Depressionen weltweit dramatisch zugenommen. Vielleicht liegt also die Vermutung nahe, dass zu viele Optionen für Stress, Angst und Unsicherheit sorgen.

 

Wie wird die Wahl zur Qual, wenn es doch grundsätzlich gut ist, frei entscheiden zu dürfen? Nun, die Entwicklung ist zu rasant. Unsere Konsumkultur ist gnadenlos, und je mehr Wahlmöglichkeiten wir haben, je mehr wir mit Informationen überschüttet werden, desto mehr Anstrengung kostet es uns, die verschiedenen Möglichkeiten zu bewerten, und desto wahrscheinlicher ist es, dass uns das Ergebnis nicht befriedigt.

 

Je mehr Wahlmöglichkeiten wir bekommen, desto schlechter wird unsere Entscheidungsfähigkeit. Die meisten von uns haben wenig Lust, ständig vergleichen zu müssen, und gehen daher jeder Entscheidung aus dem Weg, die nicht absolut notwendig erscheint. So ist der Entscheidungsprozess von Anfang an mit unguten Gefühlen belastet. Außerdem kann die Mehrheit schlecht mit Unsicherheiten umgehen oder die Vor- und Nachteile abwägen – besonders da uns oft die Informationen fehlen. Nachdem man so viel Zeit damit verbracht hat, das Für und Wider zu bedenken, und sich durch einen Wust von Informationen gequält hat, sind die Erwartungen so angestiegen, dass wir oft enttäuscht sind, wenn das Ergebnis nicht so perfekt ist wie erhofft, denn die Zufriedenheit von Konsumenten ergibt sich aus der Übereinstimmung von Realität und Erwartung.

 

Noch schlimmer ist es, wenn wir uns dem Überangebot von Wahlmöglichkeiten beugen und wahllos Dinge anhäufen, die wir gar nicht brauchen. Je mehr wir besitzen, desto weniger schätzen wir das Besondere dieser Sachen. Niemand will behaupten, dass das einzige Mittel gegen die Qual der Wahl die Unterdrückung der Wahlfreiheit ist. Aber wir sollten einen klaren Kopf behalten, wenn Entscheidungen anstehen, und zudem sollten wir einen gesunden Abstand zwischen den aufdringlichen Verlockungen der Werbung und unserer Privatsphäre wahren.

 


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