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Montag, 19. Mai 2008 11:39 Uhr
Kategorie: WorldChanging

Von: JC/©KNESEBECK VERLAG

Das Sonnensystem: Ökologie im Weltall

Die Erforschung des Weltalls nützt der Umwelt. Die Raumforschung ist ein wichtiger Bestandteil des anhaltenden Bemühens, unseren Heimatplaneten besser zu verstehen und zu bewahren.

Einige Umweltschützer alter Schule beklagen, dass zu viel Geld in Raumfahrtprogramme gesteckt worden sei; in ihren Augen ist diese Investition bestenfalls eine teure Verschwendung, schlimmstenfalls ein Freibrief für verantwortungsloses globales Handeln. Sie vermuten hinter jedem Raumfahrtprogramm den Plan, Raumkolonien zu errichten und unseren geschundenen Planeten aufzugeben (»Ihr dürft den Planeten erst verlassen, Jungs«, heißt es auf einem beliebten US-Aufkleber, »wenn ihr aufgeräumt habt.«). Doch die Befürchtungen sind überwiegend unbegründet und ausnahmslos kurzsichtig. Wir können den Planeten Erde als Ganzes nur überschauen – im buchstäblichen und übertragenen Sinne –, wenn wir ihn aus dem All betrachten, und ihn nur so in Gänze begreifen. Um unseren Planeten richtig zu schützen, müssen wir ihn hin und wieder verlassen.

 

Im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte hat sich der Blickwinkel bei der ökologischen Nachhaltigkeit von der Umweltverschmutzung zur Erforschung der globalen Ökosysteme (und, wenn notwendig, zur Intervention) verlagert. Die Notwendigkeit der Abfallentsorgung und der Verminderung von Smog ist leicht zu begreifen; die Kräfte, die zwischen Klimazyklen, Isolierung, CO2- Emissionen aus natürlichen und künstlichen Quellen und Sonnenzyklen herrschen, sind da schon schwerer nachzuvollziehen. Wir werden aber nur begreifen, wie unsere Umwelt wirklich funktioniert, wenn wir das Umfeld unseres Planeten durchschauen. Hilfreich ist es auch zu wissen, wie sich andere Planeten entwickelt haben. Wenn wir der Weltraumforschung den Rücken zukehren, berauben wir uns der Chance, die Erde gründlich zu erforschen.

 

Ein planetarisch ausgerichtetes Raumfahrtprogramm könnte die aktuellen Forschungen zum Klima und zur Geografie unseres Planeten (die überwiegend nur aus dem Orbit möglich sind) mit einer erweiterten Studie über die Zusammenhänge in unserem Sonnensystem kombinieren. Viele wichtige Fragen zu unseren planetarischen Nachbarn sind noch unbeantwortet. Die Erde und der Mars umkreisen die Sonne auf einem »bewohnbaren Gürtel«, und erste Forschungen legen es nahe, dass Mars anfangs ein vergleichbares Potenzial für die Entwicklung von Leben hatte. Warum ist der Mars ausgetrocknet, und warum ist die Venus einem Treibhauseffekt zum Opfer gefallen? Warum hat sich auf der Erde Leben entwickelt? Angesichts der Katastrophe, die die Klimaveränderung möglicherweise nach sich zieht, sind das wichtige Fragen. Je besser wir begreifen, wie andere Planeten aufgebaut sind, desto besser verstehen wir unseren eigenen.

 

In den kommenden Jahrzehnten werden im Rahmen eines ökologischen Raumfahrtprogramms wohl kaum noch Menschen ins Weltall geschickt. Vielmehr wird man verstärkt versuchen, unbemannte Raumfahrzeuge ins Sonnensystem zu entsenden – und darüber hinaus. Automatisierte Wissenschaftsmissionen sind überaus erfolgreich, wenn man bedenkt, wie wenig Geld dafür zur Verfügung steht. Der Mars-Rover ist das spektakulärste Beispiel aus jüngster Zeit, doch unbemannte Raumsonden haben auch schon Proben von Kometen genommen und die Sonnenwinde beobachtet, sind in die Atmosphäre des Jupiter eingetaucht und haben Wasser auf dem Saturnmond Enceladus gefunden. Die unbemannte Raumforschung liefert uns vielleicht Informationen, die uns möglicherweise auch Aufschluss über unsere globalen Umweltprobleme geben.

 

Die Raumforschung könnte sogar kostengünstiger werden. In den kommenden Jahrzehnten wird sie vielleicht nicht mehr nur von Regierungen und großen Konzernen betrieben. Über private Raumunternehmen oder den »Weltraumlift« könnte die Erdumlaufbahn eines Tages so gut erreichbar sein wie die Tiefsee – nicht einfach, nicht billig, aber doch erreichbar für die Wissenschaft und den abenteuerlustigen Touristen.

 

Der Autor Robert Zimmerman bezeichnete diese künftige Ära als »Weltraum- Renaissance«, eine Revolution in der Haltung, mit der die Menschen die Weltraumressourcen sehen und nutzen. Hier sind einige Instrumente, die zum Einläuten dieser Renaissance beitragen könnten:

 

Mikrosatelliten:

Die Entsendung von Satelliten ins Weltall wird immer einfacher und billiger sein als bemannte Raummissionen. Kleine, vergleichsweise kostengünstige Satelliten mit Sensoren und Funkausstattung, mit denen sich ein bestimmtes Phänomen untersuchen lässt, ehe der Satellit anschließend in der Erdatmosphäre verglüht, könnten das Wachstum von Großstädten dokumentieren, den Fischfang überwachen, Vorzeichen für Trockenheit oder Überschwemmungen aufspüren und sogar Open-Source-Informationen sammeln.

 

Verbesserte Klimabeobachtung:

Ein besonders nützliches Einsatzgebiet großer und kleiner Satelliten wird die genaue Beobachtung der Klimaveränderung sein. Die NASA und auch die europäische Raumfahrtagentur ESA haben jeweils ein Satellitenprogramm zur Klimaüberwachung, und China plant, bis 2012 Klimasatelliten in den Orbit zu schicken.

 

Satelliten für humanitäre Zwecke:

Satelliteninformationen sind für die humanitäre Hilfe sehr nützlich, ein Einsatzgebiet, das leider nicht ausreichend gewürdigt wird. Unschätzbare Dienste leisteten die Satelliten etwa, als sie die Bewegungen der Helfer in Darfur koordinierten, wo man für 120 Kilometer 10 Tage unterwegs sein kann. Die »International Charter: Space and Major Disasters« ist ein internationales Abkommen über die Koordinierung von Satellitendaten für Hilfs- und Rettungseinsätze. Sie kam unter anderem bei dem Tsunami im Indischen Ozean 2004 zum Tragen. Satelliten lieferten Bilder von der Zerstörung und erwiesen sich als überaus hilfreich für die Rettungsund Wiederaufbaumaßnahmen. In einer Vereinbarung mit der Weltnaturschutzunion (IUCN = International Union for the Conservation of Nature and Natural Resources ) hat sich die NASA verpflichtet, sie bei einer ganzen Reihe von Naturschutzprojekten zu unterstützen. (Die IUCN ist mit Mitgliedern aus 83 Ländern, 110 Regierungsbehörden und mehr als 800 nichtstaatlichen Einrichtungen die weltweit größte Naturschutzorganisation.) Diese Aktivitäten sind verdienstvoll, doch da es bislang keine speziellen Satelliten für humanitäre Zwecke gibt, müssen die vorhandenen Satelliten im Notfall vorübergehend von ihren eigentlichen Aufgaben abgezogen werden.

 

Doch die größte und teuerste Aufgabe der Weltraumforschung wäre die Entsendung von Satelliten und sogar Landefahrzeugen zu anderen Planeten unseres Sonnensystems. Am Anfang steht möglicherweise der Bau eines »Weltraumlifts«, damit die Energiekosten für die Reise in eine hohe Umlaufbahn gesenkt werden; eventuell könnte solch ein Lift auch als Ausgangspunkt für ein Swingby- Manöver (ein spezielles Raumflugmanöver unter Ausnutzung der Schwerkraftumlenkung in der Nähe von Himmelskörpern) dienen. Auch ohne interplanetare Satelliten könnte unser Wissen über andere Planeten bald revolutioniert werden. Der Mars zieht zweifellos die größte Aufmerksamkeit auf sich. An den Universitäten entwickeln Wissenschaftler bereits neue Fortbewegungsmittel für den Roten Planeten und verbesserte Techniken für das Auffinden von Lebensformen.

 

Die verstärkte Aktivität des Menschen im Weltall hat natürlich auch ihre Schattenseiten. Mit der steigenden Zahl von Satelliten auf der Erdumlaufbahn wächst die Unfallgefahr, und der Weltraummüll ist schon heute ein Problem. Die Zunahme privater Raumflüge wird diese Problematik noch verschärfen. Langfristig muss außerdem die Verseuchung anderer Planeten mit irdischen Mikroben aus Raumsonden befürchtet werden. Die meisten Bakterien von der Erde würden auf dem Mars schnell absterben: Einmal abgesehen von den subarktischen Temperaturen und der geringeren Atmosphärendichte ist dort aufgrund der fehlenden Ozonschicht die ultraviolette Strahlung sehr stark. Wie wir aber wissen, ist die Evolution hartnäckig. Es wäre doch furchtbar, wenn wir uns durch unsere Nachlässigkeit um die Chance bringen würden zu erfahren, ob es auf dem Mars eigene Mikroben gibt, nur weil sich ein extremophiler Mikroorganismus von der Erde auf dem Mars breitgemacht hat.


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