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Montag, 15. März 2010 10:22 Uhr
Kategorie: Klima Leben, TopThema, WorldChanging

Von: BA, CO, JC, SR/© KNESEBECK VERLAG

Copyfight – der Kampf ums Urheberrecht

Die Entwicklungsländer haben große Rohstoffvorkommen und vollziehen eine mehr oder weniger schnelle Industrialisierung. Darin liegen ihre Probleme also nicht begründet.

WorldChanging

Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der es wie nie zuvor von Bedeutung ist, Zugang zu Wissen zu haben, um die Chancen für die Weiterentwicklung nicht zu verpassen. Was ein sich entwickelndes Land von einem entwickelten unterscheidet, ist das Recht auf die freie Nutzung oder Wiederverwendung von Wissen und Bildung. Es fehlen die Kanäle, um Informationen und Allgemeinbildung zu verbreiten. Die Kenntnisse werden nicht genutzt oder unterdrückt, um Transparenz bei Regierungsentscheidungen zu erzwingen und die Menschen zum Handeln zu aktivieren.

 

Kein Land der Welt kennt sich da besser aus als die Vereinigten Staaten. In den ersten 100 Jahren nach seiner Unabhängigkeitserklärung war das Land ein Volk der fröhlichen Nachahmer. Jede Erfindung und jede Vorlage aus dem englischen Königreich wurde in Amerika frei genutzt, nachgebaut und übernommen. Werke der amerikanischen Erfinder oder Autoren dagegen wurden – und das war entscheidend – unter den Patentschutz oder den Schutz des geistigen Eigentums gestellt. So ging der Samen der technischen und intellektuellen Entwicklung des Neuen Amerika auf der fetten Erde des Wissens der Alten Welt auf und entwickelte sich weiter.

 

Kein Entwicklungsland der Erde genießt heute ähnliche Privilegien. Diese Nationen sind in ihren Bemühungen um eine eigenständige Entwicklung durch ein Gewirr von internationalen Copyrightbestimmungen und Patentschutzrechten gefesselt. Und die Fesseln ziehen sich durch stetige Verschärfungen und Strafverfolgung immer enger zu.

 

Das Internet und die neuen Informationstechnologien sind eine unerschöpfliche Quelle des Wissens. Ob Literatur, Musik, Kunst und Kultur oder Rechtswissen und politische Informationen, Naturwissenschaften … – das weltweite Netz ist ein Füllhorn. Wer Zugang zum Internet hat, nutzt die Möglichkeit, diese Informationen (in der Regel kostenlos) zu kopieren und weiterzuverbreiten. Musik oder Filme werden weltweit über Tauschbörsen kostenlos heruntergeladen. Das freie Kopieren aus dem Internet, manche nennen es »Raubkopieren«, widerspricht natürlich den Interessen der Film- und Musikindustrie. Sie fordern eine schärfere Gesetzgebung, härtere Strafen und bessere Kontrollen.

 

Bis zur Nutzung des Internets reichte das Urheberrecht bisher nicht. Es besagte, dass jeder Staat seine eigenen Urheberrechte regeln darf. Doch jedes Land, das Mitglied der Welthandelsorganisation WTO werden will, muss das internationale Urheberrechtsabkommen TRIPS (Trade Related Aspects of Intellectual Property Rights), das 1995 in Kraft getreten ist, ratifizieren. 1996 kamen zu TRIPS zwei weitere internationale Urheberrechtsverträge hinzu: Der WIPO Copyright Treaty (WCT) regelt Fragen des Urheberrechts und der WIPO Performances and Phonograms Treaty (WPPT) die Schutzrechte der Künstler und der Musikindustrie. Die Europäische Union hat die WIPO-Verträge unterschrieben und verpflichtet damit ihre Mitglieder zur Änderung ihres nationalen Urheberrechts. Die deutsche Umsetzung ist das »Gesetz zur Regelung des Urheberrechts in der Informationsgesellschaft «, das im Januar 2008 in Kraft getreten ist. Nun stellt sich also auch in Europa die Frage, was noch erlaubt ist. Theoretisch können Privatpersonen bei Verstößen gegen das Gesetz mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden. Darf ich mir MP3 Musik und CDs kopieren? Ist Filesharing erlaubt? Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass durch die neuen Richtlinien die Rechte der Verwerter gestärkt und die Rechte der Verbraucher eingeschränkt werden.

 

Gut zu wissen, dass es Alternativen zum Urheberrecht gibt. Das ist vor allem für die Entwicklungsländer von großer Bedeutung. Wie soll ein Ausbilder in Ghana noch wissen, ob er Informationen über neue Techniken aus dem Internet in seine Arbeitsblätter einflechten darf? Befinden sich die Tausende von Freiwilligen, die das Gutenberg- Buchprojekt (www.gutenberg.org) realisieren, auf einem gesetzlichen Minenfeld, wenn sie Bücher einscannen und auf die Internetseite stellen?

 

Copyfight, der Kampf um einen freien Zugang zum Wissen der Welt, bleibt ein aktuelles Thema.

 

Creative Commons – Informationen teilen

 

Die internationalen Urheberrechtsbestimmungen sind streng. Ab der ersten Sekunde des Entstehens ist ein geistiges Werk (und sei es noch so unbedeutend) erst einmal geschützt. Der Schutz bleibt oft über mehrere Jahrzehnte oder länger bestehen. Brauchen wir wirklich so viel Urheberschutz? Ehrlich gesagt, nein! Es gibt viele Beispiele, wie Urheber eines Werkes profitieren können, wenn sie ihre Arbeiten zur freien Nutzung ins Netz stellen, einen Remix erlauben oder der Reproduktion zustimmen.

 

Lizenzen wie die von Creative Commons (CC; frei übersetzt »kreatives Allgemeingut«) sind standardisierte, maschinenlesbare Lizenzen, die von den Autoren freiwillig für ihr Werk akzeptiert werden. Sie garantieren dem Urheber grundlegende Rechte. Erlaubt er zum Beispiel die Vervielfältigung des Textes für Unterrichtszwecke? Ist er mit einer kommerziellen Nutzung einverstanden, wenn er als Schöpfer genannt wird? Darf der Text bearbeitet und unter CC-Lizenzen weiterverbreitet werden? Der Autor allein hat die Wahlmöglichkeiten und trifft die Entscheidungen. Für mehr als 80 Länder sind die Lizenzen für das CC-Projekt (www.creativecommons.org) in der Landessprache verfügbar.

 

Copyfighting

Viele von uns teilen gerne ihre Arbeiten mit anderen – wir wollen nur dafür bezahlt werden, wenn der Nutzer dafür auch zahlen kann. Genau das ist die Idee bei der Creative Commons Developing Nations License (CCDC) – der Creative-Commons-Lizenz für Entwicklungsländer: Die ärmeren Länder auf der Südhalbkugel dürfen nach dem Willen des Urhebers sein Werk kostenlos nutzen und vervielfältigen. Im Gegensatz dazu bleibt in den entwickelten Ländern das volle Urheberrecht bestehen. Lawrence Lessing, der Gründer der gemeinnützigen Organisation Creative Commons, erläutert: »Es ist doch eine Tatsache, dass der größte Teil der Weltbevölkerung von den Veröffentlichungen der entwickelten Nationen ausgeschlossen ist, schlicht und einfach, weil er nicht bezahlen kann. Für die Autoren ist das eine unerreichte Leserschaft, für die Wirtschaftler bedeutet es Wohlfahrtsverlust. Für Menschenrechtler ist es eine Tragödie für die Menschheit. Die Lizenz für Entwicklungsländer ist aus genau diesem Grund geschaffen worden.«

 

Copyleft

 

Copyleft, das kann man leicht erraten, ist das Gegenteil von Copyright – so präsentiert sich das Copyleft-Logo einfach als ein vertikal gespiegeltes Copyright-Logo. Anstatt die Nutzungsrechte eines Werkes einzuschränken oder mit Kopierschutz zu belegen, ermutigt die Copyleft-Lizenz dazu, ein Produkt zu verändern oder zu verbessern, die Information breit zu streuen und die Erkenntnisse zu teilen. Schon in den 1970ern kamen bei Softwareentwicklern erste Überlegungen dazu auf. Sie waren überzeugt, dass Softwareprogramme inklusive des Programmiercodes frei zur Verfügung gestellt werden sollten, weil andere kluge Köpfe die Programme weiterentwickeln würden und das schließlich wieder allen zugute käme. Zu dieser Zeit waren das umstürzlerische Ansätze. Der Wille zur kostenlosen Verbreitung der Programme wurde in Anlehnung an den Copyright-Vermerk (»alle Rechte vorbehalten«) mit »Copyleft: All wrongs reserved« (»alle Fehler vorbehalten«) angezeigt. Um es noch einmal klarzustellen: Alle Programme, die unter Copyleft entwickelt wurden, müssen frei verfügbar bleiben, auch wenn ein anderer Programmierer Verbesserungen einpflegt.

 

Was ist an der Copyleft-Idee so weltverändernd? Einmal stärkt sie unsere Freiheit – die finanzielle und die intellektuelle –, andererseits fördert sie ein Miteinander und trägt zum Entstehen starker Interessengruppen bei. Wir arbeiten alle gerne mit anderen Menschen zusammen, wenn wir wissen, dass unsere Beiträge für ein größeres Vorhaben wichtig sind.  


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