care & click charity

ich bin neu hier - jetzt anmelden

Anzeige


Montag, 19. April 2010 11:24 Uhr
Kategorie: Klima Leben, WorldChanging

Von: AS, JC/© KNESEBECK VERLAG

Chinesische Städte der Zukunft

Am Ende dieses Jahrzehnts sollen in China einige der fortschrittlichsten grünen städtischen Umgebungen auf der ganzen Welt liegen. Am Ende der nächsten Dekade könnte China durchaus mehr grüne Gemeinschaften als der Rest der Welt zusammen haben. Zumindest lautet so der Plan.

WorldChanging

Das Land, in dem schon jetzt einige der größten Städte der Welt liegen, geht davon aus, dass weitere rund 400 Millionen Menschen – etwa die Hälfte der ländlichen Bevölkerung – bis 2030 in Städte ziehen werden. Die Weltbank schätzt, dass von heute bis zum Jahr 2015 ungefähr die Hälfte der weltweiten Neubauten in China entstehen. Damit China dieser Herausforderung gewachsen ist, muss es seine Städtebauweise ändern. Traditionelle Entwürfe und die gegenwärtige Planung sind nicht nur unzureichend, sondern geradezu gefährlich. Nach manchen Schätzungen würde allein die Herstellung der Ziegel für traditionelle Gebäude, die benötigt werden, um die Menschen unterzubringen, die in die Städte ziehen, sämtliche chinesischen Vorräte an Kohle und Lehm verschlingen.

 

Zum Glück haben chinesische Politiker den Ernst der Lage erkannt und nach einer kühnen Kehrtwende beschlossen, Städte und Häuser völlig neuartig anzulegen und zu bauen. Als Erstes haben sie neue Vorschriften zur Gebäudeeffizienz erlassen. Ferner haben sie führende Experten für nachhaltige Planung und Entwicklung ins Land geholt und lassen ihnen freie Hand bei der Gestaltung neuer Lebensformen. Schließlich treibt China eigene »Öko-Stadtkonzepte« voran und möchte extrem ineffiziente Metropolen auf bessere Transitmöglichkeiten, sauberes Wasser und nachhaltige Infrastruktur umrüsten. Keiner weiß, ob diese Pläne funktionieren werden – wenn ja, werden wir alle an ihrem Erfolg Anteil haben.

 

China braucht den ökologischen Sprung nach vorn

 

China steht den wohl größten, globalen Umweltproblemen gegenüber. Das chinesische Bruttoinlandsprodukt (BIP) hat sich seit 1978 mehr als verdoppelt, und im vergangenen Jahrzehnt ist die chinesische Wirtschaft um sage und schreibe zehn Prozent jährlich gewachsen. Nicht umsonst sprechen viele von einem »chinesischen Wirtschaftswunder«, das mit veralteten Technologien, trotz staatlichen Missmanagements und Korruption erzielt wurde. Leider fordert dieses Wunder einen schrecklichen Preis: Das Vermächtnis des raschen Wachstums sind die ökologischen Schäden, die sämtliche Verbesserungen der Lebensqualität weit übersteigen. In China sterben Menschen an der Umweltverschmutzung, die wirtschaftliche Vitalität leidet darunter, und die Zukunft der ganzen Nation wird in Frage gestellt – wenn nicht des Planeten.

 

Laut Angaben der World Health Organisation liegen sieben der zehn meistverseuchten Städte der Welt in China. 90 Prozent der städtischen Wasserspeicher gelten als verseucht, und saurer Regen geht über fast einem Drittel des Landes nieder. Auf Umweltverschmutzung zurückzuführende Krankheiten – Atembeschwerden, Herzkrankheiten – sind in China die Haupttodesursache. Die Luftverschmutzung ist so hoch, dass Verkehrspolizisten in Peking eine durchschnittliche Lebenserwartung von nur 40 Jahren haben.

 

Ein wichtiger Grund für die Verschmutzung ist das Festhalten Chinas an überalterten Kohlekraftwerken, die laut dem Pew Center on Global Climate Change 75 Prozent des Stroms erzeugen. Mit Kohle werden darüber hinaus viele Privathäuser beheizt. Der zweite Hauptverschmutzer sind die Autos, und die Lage könnte sich noch erheblich verschärfen. Einem Artikel unter Chinadaily.com zufolge gehen chinesische Regierungsvertreter davon aus, dass im Jahr 2020 auf den Straßen 140 Millionen Autos fahren werden, sieben Mal so viele wie derzeit in China und mehr als in den Vereinigten Staaten (Stand: 4. September 2004). China ist außerdem der weltweit zweitgrößte Produzent von Treibhausgasen. Schon 2009 könnte das Land die USA überrundet haben.

 

China hat bereits so starken Einfluss auf den Planeten, dass eine grüne Zukunft ohne eine vollständige Transformation des Landes kaum vorstellbar ist. Es kann nicht einfach den Westen kopieren.

 

China steht vor der Herausforderung, die erste wahre ökonomische Supermacht des 21. Jahrhunderts aufzubauen, eine Macht, die sich nicht nur auf ein neues Modell der nachhaltigen Stadt stützt, sondern auch auf die effiziente, erneuerbare und nachhaltige Produktion von Waren und Energie. Chinas nächstes Wunder muss ein ökologischer Sprung nach vorn sein.

 

Vorschriften zum ökologischen Hausbau

 

Laut der Presseabteilung des US-Energieministeriums verschwendet China immense Summen von Energie – das Land verbraucht mehr Energie pro Dollar des BIP als irgendein westliches Land und mehr als die meisten Schwellenländer wie Kenia, Indien und Brasilien. So gut wie alle chinesischen Gebäude verbrauchen zwei bis drei Mal so viel Energie pro Quadratmeter wie vergleichbare Gebäude in anderen industrialisierten Ländern; »Niedrigenergiehäuser« machen weniger als ein Prozent des chinesischen Bauwesens aus.

 

Wie alles in China, ändert sich das aber. Qiu Baoxin, Chinas Bauminister, hat im Jahr 2005 Vorschriften für ökologischen Hausbau vorgeschlagen, mit denen China einen der weltweit strengsten Standards erhalten würde. Aktuelle Neubauten müssen mit Technologien ausgestattet sein, die etwa 65 Prozent mehr Energie sparen als vorherige Standards, unter anderen natürliche Belüftung und Belichtung, Brauchwasseraufbereitung und Nutzung erneuerbarer Energiesysteme. Bis zum Jahr 2010 müssen alle chinesischen Städte den Energieverbrauch der Gebäude um 50 Prozent senken – bis 2020 gar um 65 Prozent. Wenn diese Maßgabe umgesetzt wird, löst sie die weltweit größte Kampagne zur Umrüstung auf ökologischen Hausbau aus.

 

Im April 2005 errichtete das Ministerium für Wissenschaft und Technik in Zusammenarbeit mit dem American Natural Resources Defense Council das erste Gebäude, das dem Gold-Standard der LEED entsprach: das neue 12 077 Quadratmeter große Hauptquartier in Peking. Weitere Gebäude sind geplant.

 

Die Chinesen erkennen nicht nur, dass Energieverschwendung teuer ist, sondern auch, dass es künftig ein Wettbewerbsvorteil sein wird, wenn man weiß, wie eine radikale Effizienz erreicht wird: Bauunternehmen, die ökologische Häuser bauen können, werden den Markt dominieren. China leitet die Schirmherrschaft für ökologischen Hausbau ein.

 

Huangbaiyu, Tangye, Guantang Chuangye

 

Der chinesische Verband der Bauindustrie, das chinesisch-amerikanische Center for Sustainable Development und der Architekt William McDonough, zusammen mit Michael Braungart Autor des berühmten Cradle to Cradle-Konzepts, streben zurzeit den Bau nicht nur einer, sondern von bis zu sechs nachhaltigen Traumstädten in China an. Diese Städte werden als Modelle für die weitere, grüne Stadtentwicklung dienen, ausnahmslos mit dem Ziel: »Energie von der Sonne gewinnen, Materialien in geschlossenen technischen und biologischen Kreisläufen erhalten und eine generationsübergreifende Gemeinschaft aus Menschen schaffen, die sich produktiv für den erneuerbaren Handel engagieren «.

 

Am weitesten fortgeschritten ist das Dorf Huangbaiyu, ein Musterbeispiel für nachhaltiges Bauen. Die Häuser werden seit 2006 mit der Zielvorgabe erstellt, hier 400 Familien anzusiedeln. Das Konzept umfasst auch eine Anlage für die Biomassevergasung zur Energiegewinnung, Wasseraufbereitung im ganzen Dorf, und ein gemischt genutztes Ortszentrum. An zweiter Stelle folgt die »New Town« von Tangye, welche die konzeptionellen Ansätze von Huangbaiyu weiterentwickeln wird. In dem städtischen Bezirk Tangye werden 180 000 Menschen leben, und er soll als Muster zur Nachahmung in ganz China dienen.

 

Sämtliche in den Musterstädten verwendeten Materialien müssen entweder gefahrlos biologisch abgebaut oder vollständig wieder eingesetzt werden. Die Mauern der Musterhäuser von Huangbaiyu (0,5 Meter dick) werden aus gepressten, mit Stroh durchsetzten Erdblöcken gefertigt – ein Nebenprodukt der Agrarproduktion, das sonst auf der Müllhalde landen würde. Die Gesamtanlage des Ortes ist ein Netz aus Wohn- und Gewerbevierteln, miteinander verbunden über Parks, die zugleich das Regenwasser kanalisieren.

 

Zu den Projekten Huangbaiyu und Tangye kommt in Kürze das Projekt für nachhaltige Entwicklung in Guantang Chuangye hinzu; unlängst wurde der erste Entwurf angenommen. Auch in Guantang Chuangye werden Wohnviertel um Parks herum angelegt, wobei von jedem Arbeits- und Wohnort ein Fußweg von höchstens fünf Minuten zur nächsten Haltestelle des öffentlichen Verkehrs und zu einer Schule anfällt. Guantang Chuangye wird darüber hinaus demonstrieren, wie das Modell »nachhaltige Stadt« an lokale Landschaften und Umweltbedingungen angepasst werden kann: Die Stadtplanung wird bestehende Wasserläufe und Feuchtbiotope einbeziehen und den vorhandenen Wasserkreislauf für das lokale Ökosystem erhalten.

 

Die Realisierung eines völlig neuen Modells ist natürlich nie ganz einfach. Die drei Gemeinden sind keineswegs als Schauprojekte für eine Handvoll reicher Bürger gedacht. Das ursprüngliche Budget pro Haus lag in Huangbaiyu bei nur 3500 US-Dollar, damit die wachsende chinesische Mittelschicht sich die Häuser auch leisten konnte. Es erwies sich jedoch als schwierig, die Kosten so niedrig zu halten. In anderen Fällen war es nicht möglich, lokal nachhaltige Materialien zu beschaffen. Etliche Prozesse wurden abgekürzt, sagen Forscher, die die Orte aufsuchten. Dennoch weisen diese neuen Gemeinden den Weg zu einer chinesischen Zukunft, die hell und grün sein könnte.

 

Öko-Stadt in Shanghai

 

Shanghai ist der Inbegriff der modernen chinesischen Stadt. Die überfüllte Großstadt, der Motor der Wirtschaft, galt lange als Modell für das moderne China. In Kürze könnte es zum Modell für ein grünes China werden. Das britische Designberatungsbüro Arup möchte in Absprache mit der chinesischen Regierung den Bau einer »Öko- Stadt« als Erweiterung von Shanghai leiten. Dongtan, das erweiterte Bauland in der Nähe des Flughafens von Shanghai, wird sich über 8800 Hektar erstrecken – ungefähr die Größe Manhattans – und soll eine wahrhaft umweltfreundliche Stadt werden, die Brauchwasseraufbereitung, Kraft-Wärme-Kopplung und Biomasseanlagen nutzt. Die Stadt soll möglichst kohlendioxidneutral sein.

 

Aber was heißt »wahrhaft umweltfreundlich«? Es werden so gut wie keine Ressourcen verschwendet: Abwasser wird aufgefangen, geklärt und wiedereingespeist; organische Abfälle werden als Biomasse für saubere Energie verwendet; und Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen sorgen im gleichen Prozess für Strom und Wärme. Die Gebäude nutzen natürliches Licht, sind modern gedämmt und überaus effizient angelegt, um den Energieverbrauch drastisch zu senken. Öffentliche Verkehrsmittel sind von jedem Ort aus bequem zu Fuß zu erreichen. In vieler Hinsicht wird das Leben in der Öko-Stadt Dongtan sehr stark dem Leben in jeder modernen Stadt gleichen: sauber, bequem, aufregend. Nur hinter den Kulissen werden die Systeme, welche die Stadt am Leben erhalten – die die Ströme von Energie und Menschen, Abfall und Wasser steuern –, mit einer weit größeren Effizienz als sonst üblich arbeiten.

 

Die erste Phase, ein Gebiet von 630 Hektar, das eine Kombination aus verschiedenen Transportmitteln, Schulen, Wohnvierteln und industriellen Hightechfirmen umfassen soll, wird 50 000 Menschen aufnehmen und soll bis 2010 fertiggestellt sein. Aber Dongtan ist nur der Anfang. Arup hat mit der chinesischen Regierung vereinbart, das Öko-Stadt-Modell auf vier weitere Städte im ganzen Land auszudehnen. Alle Städte werden so angelegt, dass sie, was Energie, Wasser und die meisten Lebensmittel betrifft, autark sind und dass vom Verkehr so wenige Emissionen wie möglich ausgehen.

 

Umweltfreundlichere Autos

 

Aber Öko-Städte nutzen China nicht viel, wenn sie von konventionellen Benzinautos verstopft sind. Zum Glück gibt es Anlass zu (zaghafter) Hoffnung. Chinas Autobauer arbeiten an Fahrzeugen, die den Ölverbrauch drastisch senken könnten – zu einem auch für Schwellenländer erschwinglichen Preis. Der Wuling SunShine ist ein Minivan, der zu einem Gesamtpreis von etwa 5000 Dollar angeboten wird, und verbraucht im Stadtverkehr knapp 5,5 Liter auf 100 Kilometer. Das seit 2002 verkaufte Fahrzeug zählt zu den beliebtesten im ganzen Land und belegt auf dem Kleinwagenmarkt den ersten Platz. Allerdings fährt er mit Benzin.

 

Die Zukunft sieht jedoch grüner aus, weil China darauf drängt, sauberere Fahrzeuge ins Land zu holen. Toyota und Volkswagen bauen Werke für Hybridautos; GM und der Daimler- Konzern hingegen versuchen, im Laufe der nächsten Jahre Autos mit Brennstoffzellen in begrenzter Stückzahl zu produzieren. Shell hingegen hat die Absicht, Shanghai genau wie Island bei der Umstellung auf Wasserstoff zu unterstützen.

 

Es ist zwar gut, dass westliche Firmen die Technologie der Öko-Autos nach China importieren, doch einheimische Innovationen sind noch wichtiger – auch das ist zu beobachten: Geely Motors, der größte private Autobauer Chinas, hat die Absicht, bis zu den Olympischen Spielen im Jahr 2008 Hybridautos anzubieten; Geely schließt sich dem staatlich geförderten Autohersteller Chery an, der Ende 2006 sein erstes Hybridauto vorstellte. Weitere lokale fortschrittliche Entwürfe sind bereits in Arbeit, etwa das Elektroauto Aspire und der Spring Light 3, ein Brennstoffzellenhybrid zu dem veranschlagten Preis von 5000 Dollar.

 

Darüber hinaus ist China derzeit der weltgrößte Markt für Elektrofahrzeuge. Laut Pekings China Bicycle Association wurden allein 2005 über zehn Millionen Elektroräder und Roller in China verkauft – das sind fast drei Mal so viele Elektroräder wie Autos. Sie sind billig, leicht zu bedienen und für die überfüllten chinesischen Straßen ideal. Die meisten Räder werden von vielen rivalisierenden Kleinbetrieben hergestellt und für den innerstädtischen Verkehr und Lieferungen genutzt. So beliebt die Räder auch sind, der chinesischen Regierung sind sie ein Dorn im Auge, weil sie die »Säulenindustrie« der Autoherstellung gefährden. Regierungsvertreter im ganzen Land versuchen, Elektroräder von den Straßen vieler großer Städte zu verbannen. In der Tat verdrängen die Elektroräder auch die bisherigen Fahrräder, doch sind sie wohl immerhin eine umweltfreundlichere Alternative zu Autos.  


Kommentieren Sie jetzt diesen Artikel

Um einen Kommentar zu schreiben, ist es nötig, eingeloggt zu sein. Falls Sie noch nicht registriert sind, können Sie diesen unter Ich bin neu hier - jetzt anmelden einrichten.

 

Weitere Nachrichten, die Sie interessieren könnten

 

In Zusammenarbeit mit:


bilandia - bücher online kaufen