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Montag, 19. Mai 2008 14:35 Uhr
Kategorie: WorldChanging

Von: DB, TM/© KNESEBECK VERLAG

Bürgerwissenschaft

Wie hält man in einer Kultur, die nicht schnell genug Spezialisten ausbilden kann, mit dem technischen Fortschritt mit? Im 20. Jahrhundert haben wir viele kleine Forschungsgebiete professionalisiert, Wissen geschaffen in Disziplinen der Medizin, des Ingenieurwesens und der Naturwissenschaften – ein Trend, der große Vorzüge, aber auch Beschränkungen mit sich brachte.

WorldChanging

Dieser Trend wird sich sehr wahrscheinlich nicht ins 21. Jahrhundert fortsetzen können, ja wir werden wohl gezwungen sein, über die professionelle Forschung hinauszugehen. Mit dem steigenden Bildungsstand haben mehr Menschen freie Zeit und Zugang zu öffentlich verfügbarem Wissen. Das nächste Jahrhundert könnte das Zeitalter der Amateure sein, deren Forschungen der Gesellschaft die größten Wissenszuwächse bringen.

 

Hier sei an eine Zeit erinnert, in der die Forschung noch nicht von Staat und Wirtschaft finanziert wurde: an die Errungenschaften von Benjamin Franklin, Charles Darwin, Meriwether Lewis und William Clark, James Smithson, John James La Forest Audubon, Henry D. Thoreau und anderen. Bereits heute leisten Amateure, Enthusiasten und Ruheständler in vielerlei Hinsicht ihren Beitrag. Bald schon werden neue technische Instrumente den bürgerlichen Gelehrten völlig neue Möglichkeiten erschließen und die Unterschiede zwischen Hobby- und Profiforschern aufheben. Auf diese Art werden wissenschaftliche Fortschritte befördert und viele Wissensgebiete demokratisiert werden. Dank der individualistischen und gleichzeitig international vernetzten Forschung durch Bürger erhält die Wissenschaft die Chance, sich der Kontrolle durch eine starre Elite zu entziehen und stattdessen ein Abenteuer für alle zu werden.

 

Vogelforscher dringend gesucht

 

Zahlen und Statistiken geben Auskunft über den Zustand der Natur. Wie kommen diese Statistiken zustande? Über manche der Details, mit denen wir versorgt werden, kann man nur staunen; etwa, dass die Bestände der Waldlaubsänger in Deutschland um mehr als 50 Prozent abgenommen, die Bestände der Kleiber aber um etwa 20 Prozent zugenommen hätten. Die Gründe über solche unterschiedlichen Trends einmal dahingestellt – woher wissen die Naturschützer überhaupt so genau, wie es den Waldlaubsängern bei uns geht?

 

Wer vermutet, dass die Daten von einem Heer an Vogelkundlern geliefert werden, liegt ganz richtig. Allerdings sind die Leute, die (zumeist zu Zeiten, in denen andere noch schlafen) mit Ferngläsern im Wald und in den Parks herumspazieren, in den seltensten Fällen hauptberufliche Wissenschaftler, sondern engagierte Amateure. Das gilt nicht nur für die Vogelbeobachtung. Auch wenn Naturschützer wissen wollen, wie es um Käfer, Spinnen, Moose bestellt ist, geht nichts ohne die so genannte »naturschutzorientierte Umweltbeobachtung «. Die wiederum ist auf freiwillige Helfer angewiesen. Viele von ihnen haben sich über die Jahre eine erstaunliche Sachkenntnis angeeignet und werden von den Wissenschaftlern händeringend gesucht.

 

Ein ehrgeiziges Projekt, für das laufend freiwillige Helfer gesucht werden, wird vom Dachverband Deutscher Avifaunisten durchgeführt und heißt »Monitoring für häufige Brutvögel in der Normallandschaft Deutschlands« (www.vogelmonitoring. de). Mit »Normallandschaft« sind dabei all die Regionen gemeint, die sich außerhalb der speziell ausgewiesenen Naturschutzgebiete befinden, also das Gros des Terrains der Bundesrepublik. Unter »Monitoring« versteht man eine »Dauerbeobachtung mit Aussagen zu Zustand und Veränderungen von Natur und Landschaft«. Mit Hilfe der freiwilligen Helfer sollen überall in der Republik zunächst Kohlmeisen, Amseln und Elstern nach einheitlicher Methodik erfasst werden. Nach der Probephase sollen viele weitere Arten akribisch untersucht werden. Das bundesweite Projekt ist eng verknüpft mit dem geplanten Atlas Deutscher Brutvogelarten (ADEBAR).

 

Vogelbeobachtung als Hobby (das in den englischsprachigen Ländern Birdwatching oder Birding genannt wird) erfreut sich steigender Beliebtheit. Auch wenn man oft sehr früh aufstehen muss, um die interessantesten Vögel zu erleben, machen es die meisten »Birder« aus »Spaß an der Freud« – ein Spaß, der Erkenntnisgewinn bringt und zum Wohle von Mensch und Natur beiträgt.

 

Hobbyforscher in Aktion

 

Die Gartenarbeit, das Beobachten von Sternen und Vögeln, das Surfen im Internet – wer hätte gedacht, dass unsere Lieblingshobbys der Wissenschaft dienlich sein würden? Doch tatsächlich arbeiten Amateure in aller Welt den Wissenschaftlern mit ihren persönlichen Erkenntnissen und Beobachtungsdaten zu. An der University of California, Davis, beispielsweise helfen Hobbygärtner den Fachleuten bei einer Studie zum Rückgang der genetischen Vielfalt in wichtigen Getreidesorten. Nach gescheiterten Versuchen, Exemplare verwandter Arten aus ihren Herkunftsgebieten zu holen – ehe wertvolle Varianten verschwanden, etwa seltene Kartoffelsorten aus den Anden –, wurde den Wissenschaftlern klar, dass sie das ehrgeizige Projekt besser und sorgfältiger durchführen konnten, indem sie Menschen einbanden, deren Hobby die Erforschung und Anpflanzung exotischer Pflanzen war.

 

Eine andere Gruppe von Freizeitforschern, die Hobbyastronomen, helfen den Profis, indem sie Kometen und Asteroiden aufspüren. Amateure haben große Freude am Umgang mit einem modernen CCD-Fernrohr. Sie sind verlässliche Assistenten, die auch bei Kälte geduldig den Himmel beobachten und nach bislang unentdeckten Himmelskörpern suchen, die eines Tages ihren Namen tragen könnten. Das ist doch was!

 

Vogel- und Insektenfreunde leisten Ornithologen und Entomologen unbezahlbare Dienste. In weltweiten Netzwerken berichten die sammelnden und beobachtenden Bürgerforscher von jedem gesichteten Monarchfalter oder Zugvogel und leisten damit einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz. Trotz aller Fortschritte im Bereich der Satellitentechnik sind auch Wetterinstitute mehr denn je auf die Arbeit der vielen freiwilligen Wetterbeobachter an Land und auf hoher See angewiesen. Bürger, die Messstationen betreiben, helfen bei der Verfeinerung der Modelle zur Klimaveränderung und der Strategien für die Bewahrung der Artenvielfalt.

 

In der Medizin leisten Bürgernetzwerke heute mehr als nur seelische Unterstützung. Sie liefern Menschen mit den gleichen Symptomen, Krankheiten und Nebenwirkungen aktuellste Informationen. Vernetzte Patienten verhelfen teilweise zu neuen Erkenntnissen über eine bestimmte Krankheit. Nachdem der Trend zu Selbsthilfegruppen das medizinische Personal zunächst erschreckte, gilt es heute als normal, wenn sich Patienten über das Internet Informationen über ihren Zustand beschaffen, die neuesten Zeitschriftenbeiträge dazu lesen oder globalen Selbsthilfegruppen beitreten. Diese Vernetzung macht den Ärzten das Leben durchaus nicht schwer, sondern hilft vielmehr dabei, Ergebnisse aufzuspüren, Daten bereitzustellen und Patienten zu informieren. Informierte Patienten sind bessere Patienten. Gut informierte Bürger erweisen der Wissenschaft wichtige Dienste.

 

Messgeräte für die Bürgerwissenschaften

 

Preisgünstige und moderne Messgeräte finden derzeit den Weg vom Militär und den kommerziellen Laboratorien in die Elektronikläden. Stadtviertel oder sogar ganze Städte spüren damit Gifte, Umweltgifte und verschiedene Krankheitserreger in der Umgebung auf. Einzelne Bürger und Gruppen könnten daher schon bald damit beauftragt werden, die Wasser- und Luftqualität zu prüfen, um lokal Maßnahmen zu ergreifen oder auch um Daten in globale Netzwerke einzuspeisen. Man darf nicht vergessen, dass in der Robotertechnik und der Open-Source-Software, die frei verfügbar ist, viele Fortschritte lose miteinander verbundenen Amateuren zu verdanken sind. Das menschliche Wissen könnte noch schneller wachsen als vor 500 Jahren, als die optische Linse und der Buchdruck erfunden wurden.

 

Dieser Trend stößt natürlich auf Seiten der etablierten Wissenschaften, der Regierungen und Unternehmen auf einige Skepsis. Nicht alle Hobbyforscher betreiben ihre Studien nüchtern und ernsthaft. Der Himmel, den Hobbyastronomen in der Nacht beobachten, wird auch von Tausenden leidenschaftlicher Ufologen abgesucht, deren blumige Berichte von dem glühenden Wunsch beseelt sind, dass etwas Wunderbares auf die Erde kommen und sie auf eine Reise ins All mitnehmen möge. New-Age-Sekten, die bereits vor den Zeiten des Internets florierten, befeuern diesen Trend. Deshalb muss man, auch beim Verzicht auf altmodische Urkunden und Zeugnisse, die Spreu vom Weizen trennen. Als der Geophysiker Anthony Fraser-Smith von der Universität Stanford ein Sensorennetz für die Erdbebenfrühwarnung aufbauen wollte, merkte er schnell, dass nicht alle interessierten und begeisterten Menschen verlässliche Bürgerwissenschaftler sind. Einige Freiwillige dagegen machten großen Eindruck auf ihn. Angesichts mangelnder staatlicher Finanzierung erreichte er seine Forschungsziele nur, indem er Amateure hinzuzog.

 

Dieser produktive und kooperative Aspekt der Amateurwissenschaften wird in den kommenden Jahren an Gewicht gewinnen. Fast schon kann man sich ein Zeitalter vorstellen, in dem Laien den Experten kontinuierlich über die Schulter sehen, weil massenhaft kundige Bürger die Forscher für jede neue Erkenntnis und jeden Bericht zur Rechenschaft ziehen. Doch es wird auch ein Zeitalter sein, in dem kluge und gut ausgebildete, eifrige und innovative Bürger mit ihrer Mitarbeit die Grenzen der Forschung schneller verschieben denn je. In diesem Umfeld werden Bürokraten und staubtrockene Ausschüsse an Einfluss verlieren, weil viele geistige Aufgaben in der Gesellschaft von Zusammenschlüssen leidenschaftlicher Laien vorangetrieben oder gar übernommen werden.   


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