Geben wir es doch zu: manchmal kann man es einfach schon nicht mehr hören, und doch: Bilder von solcher Aussagekraft lassen auch den letzten Zweifler wach werden. Was dort am weißen Ende der Welt in Gefahr ist, bedeutet nicht nur das Aus für ein ganzes Ökosystem, Gefahr für Eisbären und Walrosse, es bedeutet auch ‚fundamentale Veränderungen innerhalb eines unglaublich komplexen Systems, das alles Leben auf dieser Erde ermöglicht’. Harmlose Bilder, die ein Fehlverhalten ganzer Nationen verdeutlichen. Arglose Tiere in ihrer angestammten, bis in die Unendlichkeit reichenden Eiswüste, die plötzlich fühlen lassen, wie nah das doch alles ist, wie sehr das doch alles miteinander zusammenhängt. Da kriegt man schon eine Gänsehaut.
Das Auge gewöhnt sich langsam an eine ganz neue Farbwelt: weiß, große Seiten, alles weiß, und dann, wie im Nebel, die Silhouette eines schlafenden Eisbären. Zufrieden, in einer für ihn noch intakten Welt. Szenenwechsel: jungen Bären, mit dem Muttertier spielend, sich schüttelnd, und dabei so fotografiert, dass jeder Tropfen in der spärlichen Sonne funkelt, ein kleiner Eiszapfen am Fell. Spielerisch schlagen sie ihre Tatzen über dem Kopf zusammen, toben auf dem Eis, tollen herum wie junge Hunde. Würden wir versuchen junge Hunde, die in Gefahr sind, zu retten?
Jahrtausende altes Eis, Gletscher von unvorstellbarem Ausmaß, und dann naht der Sommer und die Eisschicht zerfällt: „Jetzt hat sich die Eiskappe des Nordpols in eine Eisinsel verwandelt. Im Sommer schrumpft sie zusammen, ihre Ränder verlagern sich immer weiter nach Norden und damit auch das auf ihr beheimatete Leben.“ Wohin sollen die Tiere, wenn einmal, wie prognostiziert „der arktische Ozean bereits um die Mitte dieses Jahrhunderts im Sommer eisfrei sein könnte?“ Ein extrem schöner Bildband voller Kontrapunkte: spontan verliebt man sich in jedes Bild, nachdenklich stimmen dann die kurzen Texte, gut verständlich und das Dilemma sachlich erläuternd. Erst große Begeisterung, sieht die eisige Welt doch so heil und intakt aus, so schön eben, dann Nachdenken und Verstummen: Klimawandel, Stürme, Überschwemmungen, Brände, extreme Wetterverhältnisse, unbewohnbare Regionen.
Fotografische Meisterleistungen, hinter denen ein professionelles Auge für Einmaligkeit steckt, präsentiert aber voller Gefühl und ansteckender Begeisterung für jedes einzelne Motiv. Und: zwei Autoren, die eine Mission haben und diese voller Passion vermitteln: „Der durch den Menschen verursachte Klimawandel ist die größte Bedrohung, der sich die Menschheit und Natur jemals ausgesetzt sahen, und er ist bereits in vollem Gange. Die Veränderungen des Klimas sind schon klar erkennbar, dass wir sie nicht länger leugnen können: sogar das Eis der Arktis schmilzt.“
Fredrik Granath/Mireille de la Lez
Leben im Eis - Arktis in Gefahr
Knesebeck, 2007
264 Seiten, gebunden, 39,95 euro
ISBN-10: 3896604953


