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Montag, 23. November 2009 09:32 Uhr
Kategorie: Klima Leben, TopThema, WorldChanging

Von: PD, SR, ZH/ © KNESEBECK VERLAG

Bildung und Gleichberechtigung für Mädchen und Frauen

Die Menschen in der sich entwickelnden Welt wollen vieles erreichen: Sie wollen Armut und Hunger bekämpfen. Sie wollen eine bessere Gesundheitsversorgung und Ernährung für ihre Kinder. Sie wollen die häusliche Gewalt einschränken, ansteckende Krankheiten bekämpfen und die Umwelt schützen.

WorldChanging

Im Jahr 2000 legten die Vereinten Nationen die Millenniums-Entwicklungsziele (Millennium Development Goals, www.un.org/millenniumgoals) als Handlungsvorgaben fest. Drei der acht Ziele beziehen sich direkt auf Frauen: Gleichberechtigung der Geschlechter, Mutterschutz und Bekämpfung der Kindersterblichkeit. Doch betrachten wir die formulierten Ziele ernsthaft als Vorgaben für eine andere, bessere Welt, wird deutlich, dass sie allesamt mit Frauen zu tun haben. Es geht um die Menschenrechte von Frauen.

 

Alle Ziele haben in irgendeiner Form mit der Notwendigkeit zu tun, die Sicherheit für und den unbedingten Respekt vor Frauen zu garantieren. Ohne eine aktive Beteiligung der Frauen an der Gestaltung des politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritts werden diese angestrebten Ziele nicht grundlegend erreicht werden. Wir müssen die gesellschaftlichen Strukturen so ändern, dass Frauen in Entscheidungen eingebunden, gestärkt und ihre Menschenrechte geschützt werden. Der erste Schritt dazu ist für alle Länder gültig: Wir brauchen Schulbildung für alle Mädchen.

 

Schulbildung für Mädchen

 

Wenn ein Mädchen ab dem sechsten oder siebten Lebensjahr in die Schule geht, dürfte es zehn Jahre später über Verhütung Bescheid wissen – oder imstande sein, sich selbst dazu Informationen zu beschaffen. Vermutlich bekommt es weniger Kinder. Durch höhere Bildung wird es einen besseren Job finden oder sogar ein eigenes Unternehmen gründen. Es kennt seine Bürger- und Menschenrechte und hat genügend Selbstvertrauen, sich, wenn nötig, gegen einen gewalttätigen Ehemann oder die sexuellen Belästigungen des Chefs zu wehren. Bekommt die junge Frau schließlich Kinder, weiß sie, wie sie diese gut versorgt.

 

Einerseits wissen wir, was für Mädchen zu tun ist, andererseits hapert es noch entscheidend an der Umsetzung dieses Wissens in die Praxis. 1990 vereinbarten Delegierte aus 155 Ländern auf der Weltkonferenz der UNESCO (www.unesco.de) zum Thema »Bildung für alle«, dass bis zum Ende des Jahrzehnts alle Kinder eine elementare Schulbildung erhalten sollten und das Analphabetentum drastisch gesenkt werde; auf einer Folgekonferenz fünf Jahre später wurde die Frist bis 2005 verlängert.

 

Auch diese Frist ist inzwischen verstrichen, aber in der Bildung besteht weiterhin die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. In einigen afrikanischen Ländern südlich der Sahara hat sich die Situation seit 1990 sogar verschlechtert.

 

Im Jahr 2000 verpflichteten sich über 180 Regierungen durch die Formulierung eines Millenniums- Ziels, das Problem in Angriff zu nehmen: Bis 2015 muss jedes Mädchen – und jeder Junge – Zugang zu einer qualifizierten Elementarbildung haben. Das kommt einer Mammutaufgabe gleich: Die verkrusteten bürokratischen und patriarchalischen Strukturen, die Mädchen immer noch eine Bildung verwehren, müssen aufgebrochen werden. In vielen Fällen darf die Regierung nicht länger die Augen vor der Kinderarbeit in ihrem Land verschließen, von der sie offiziell nichts wissen will. In anderen Fällen ist ein Kulturwandel nötig, um die Heirat zwischen Kindern zu stoppen oder zu verhindern, dass eine Frau zum Besitz ihres Mannes degradiert wird. In den meisten Entwicklungsländern wird das Bildungssystem nicht über Steuergelder finanziert. Die Eltern denken, dass die zusätzlichen Kosten für Schulgeld, Lehrbücher und Schuluniformen für ein Mädchen »verschwendet« wären, weil das Mädchen nach der Heirat in die Familie ihres Mannes eintreten wird. Nicht zu vergessen: Dieses Ziel wurde zu einer Zeit formuliert, als religiöse Fundamentalisten begannen, die Freiheit der Frauen erneut einzuschränken.

 

Dennoch tut sich etwas. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (World Food Programme, www.wfp.org) versorgt Schüler in Entwicklungsländern, wo chronischer Hunger herrscht, mit einer Schulmahlzeit pro Tag – und lockt damit Mädchen in die Klassenzimmer. Ist das Essen knapp, bleibt das Beste in der Regel dem Brötchengeber – meist dem Vater – und den Söhnen vorbehalten. Frauen und Mädchen kommen häufig zu kurz, vor allem bei der Versorgung mit Protein, das zur Hirnentwicklung beiträgt. Schulmahlzeiten sind keine dauerhafte Lösung, aber etliche Studien haben bewiesen, dass hungrige Kinder ihre Lern- und Denkfähigkeiten nicht voll ausschöpfen und eine zusätzliche Mahlzeit am Tag deutliche Verbesserungen bewirkt. Schulernährungsprogramme bringen die Eltern dazu, ihre Kinder regelmäßig zur Schule zu schicken. Auf der ganzen Welt hat sich gezeigt, dass Ernährungsprogramme die Fehlzeiten der Schüler verringern, und dass die Kinder mehrere Jahre auf der Schule bleiben. Und das Wichtigste: Die kognitive Leistung wird verbessert, und die Zahl der Schulabbrecher und der Ausgegrenzten nimmt ab.

 

Aber selbst wenn an der Schule Mahlzeiten ausgegeben werden, selbst wenn die Schulgebühren erlassen werden und Open-Source-Schulbücher verfügbar sind – Mädchen werden immer noch in ihrer Ausbildung behindert. Ihre Arbeit trägt oft wesentlich zum Familieneinkommen bei. Männliche Lehrer in Entwicklungsländern bleiben häufig in dem Klischee verhaftet, dass Jungen klüger seien; Lehrerinnen werden von ihren männlichen Kollegen benachteiligt. Ihnen bleiben die schwierigen Schüler, die kleinen Klassenzimmer und die mangelhafte Ausrüstung.

 

Vergleichbar mit den sozial schwachen Stadtgebieten in der westlichen Welt ist es auch in Entwicklungsländern entscheidend, die Eltern in die Erziehung einzubinden – und das gilt besonders bei der Erziehung der Mädchen. In dem ländlichen indischen Bundesstaat Uttar Pradesh setzte die lokale Regierung Mittel internationaler Hilfsorganisationen für den Aufbau eines parallelen Schulsystems nur für Mädchen ein. Frauen aus der Gemeinde bringen die Mädchen zur Schule, Eltern- Lehrer-Verbände und Schulleiter besuchen die Familien, wenn Kinder nicht zur Schule angemeldet sind. Gruppen vor Ort schärfen den Müttern ein, dass für ihre Töchter der Schulbesuch ein Grundrecht darstellt. Die Ziele des Programms sind eindeutig: Mädchen soll geholfen werden, das eigene Potenzial auszuschöpfen, um den Teufelskreis aus weiblichem Analphabetismus und Verarmung zu durchbrechen.

 

Haydi Kýzlar Okula!

Die Weltbank ist nicht gerade bekannt dafür, dass sie es sich zum Ziel gesetzt hätte, Selbstmorde zu verhindern. Aber genau das hat sie bei Askin Tavuz erreicht, einem 13-jährigen Mädchen aus Diyarbakir im Südosten der Türkei.

 

Beide Eltern waren arbeitslos und wollten sich nicht länger den Luxus leisten, ihre Tochter Askin zur Schule zu schicken. Für Askin aber war die Schule der einzige Weg, ihren Traumberuf Anwältin zu erlernen. Deshalb schrieb sie einen Brief an ihren Schulleiter und drohte mit Selbstmord, falls sie die Schule nicht länger besuchen dürfe.

 

Es war nicht die erste Selbstmorddrohung eines Mädchens, die bei Schulleiter Oya Senvic einging, weil dem Mädchen die Schulbildung verweigert wurde. »Die Eltern verstehen nicht, weshalb sie ihre Töchter zur Schule schicken sollten. Die Mädchen sollen zu Hause bleiben, sich im Haushalt nützlich machen und dann heiraten. Schulbesuch für Mädchen – das betrachten viele Familien als Zeitverschwendung«, sagt Senvic.

 

Dem Schulleiter gelang es, Askin in ein spezielles Schulstipendienprogramm der Weltbank einzuschreiben, das Familien einen monatlichen Kinderzuschuss von zehn Dollar gewährt. Das Geld wird auf ein Konto eingezahlt, über das nur die Mutter des Mädchens verfügt. Als Gegenleistung wird der regelmäßige Schulbesuch der Tochter gefordert.

 

Das Programm der Weltbank wird in der Türkei durch das UNICEF-Programm Haydi Kýzlar Okula! (»Auf in die Schule, Mädchen!«) aufgestockt. Das Programm zielt darauf, die bestehenden sieben Prozent Unterschied zwischen dem Schulbesuch von Mädchen und Jungen zu verringern. Sieben Prozent sind laut dem Entwicklungsbericht der Weltbank (World Development Report, econ.worldbank.org) immerhin fast 600 000 türkische Mädchen ohne Bildung. 20 Prozent der Kosten für die Schulbildung ihrer Töchter erstattet die Weltbank den Familien über das Förderprogramm, das durch Spenden von privaten Gruppen oder Organisationen finanziert wird. Die Türkei bewirbt sich seit 1987 um die Aufnahme in die Europäische Union – ein Grund, weshalb die Regierung das UNICEF-Programm akzeptierte. Die Kopenhagener Kriterien für die EU-Mitgliedschaft, die ein Land akzeptieren muss, verlangen von der Landesregierung die Anerkennung der Menschenrechte und die Achtung und den Schutz von Minderheiten. Die Mädchen, die heute im Grundschulalter sind, werden voraussichtlich zu der Zeit ins Berufsleben eintreten, zu der das Land die Aufnahme in die Europäische Gemeinschaft erwarten kann. Die Bildungsoffensive für Mädchen liegt also in doppelter Hinsicht im Interesse der Türkei.

 

Frauenselbsthilfegruppen in Indien

 

Selbsthilfegruppen (SHG) für Frauen sind Teil einer stummen Revolution im ländlichen Indien. Die Gruppen sind als informelle Netzwerke organisiert. Den Kontakten nach zu urteilen, die SHG mit Mikrofinanzprogrammen und Nichtregierungsorganisationen knüpfen, scheint es so, als ob Tausende von Gruppierungen mit Millionen Mitgliedern aktiv sind. Nach einer Studie des Global Development Research Center (www.gdrc.org) wird sich im Jahr 2008 mindestens ein Drittel der indischen Dorfbevölkerung in Selbsthilfegruppen organisiert haben. Als ihr Hauptverdienst werden immer noch die umfangreichen finanziellen Aktivitäten angesehen, aber auch die Änderung der sozioökonomischen Bedingungen auf dem Land durch die Frauenselbsthilfegruppen wird inzwischen anerkannt. Studien haben gezeigt, dass die SHG die Solidarität unter den Frauen in den Dörfern fördern und eine Fülle ungeahnter, positiver Effekte auslösen (Singh 2003). Eine Studie aus Kerala berichtet über die vielfältigen Aktivitäten: »Die Erfahrung, in den Selbsthilfegruppen Funktionen zu übernehmen und zu reisen, ermöglichte den Frauen Einblick in neue Geschäftsbereiche und brachte sie auf neue Ideen. Einige SHG veranstalteten Konferenzen zu ausgewählten Themen: Eine Gruppe lud zum Beispiel einen Frauenanwalt und Menschenrechtsexperten zu sich ein, um über Frauenrechte zu diskutieren, oder die Frauen lernten in Workshops neue Fertigkeiten (Schirme herstellen, Bambushandwerk).« In ihren Gemeinden gründen die Gruppen Netzwerke, um die sozialen Probleme – von Unterernährung bis hin zu gleichen Rechten für Frauen – effektiv in Angriff zu nehmen. »Früher hatten wir Angst«, berichtet ein Mitglied einer Frauengruppe, »aber jetzt haben wir die Gruppe« (Demaret 2004).

 

Schönheitssalons führen zum Wandel

 

Schönheitssalons sind soziale Treffpunkte; für Frauen bieten sie die Gelegenheit, sich mit anderen zu treffen und so eine Stunde lang dem Alltag zu entfliehen. Bei der Suche nach dem richtigen Friseur geht es oft mehr darum, eine Freundschaft zu pflegen oder eine Vertrauensperson zu haben, als die perfekte Frisur zu bekommen. Obwohl die Friseurbesuche eher selten sind, entstehen teilweise zwischen den Kundinnen und den Friseuren vertrauensvolle  Kontakte: Im Salon werden gefahrlos alle möglichen Geheimnisse ausgeplaudert, denn der Friseur oder die Friseurin haben in der Regel zum Privatleben der Kundin eine gewisse Distanz.

 

Frauen aus allen ethnischen und sozialen Schichten gehen zum Friseur, sind dort in der Regel entspannt, relativ wenig abgelenkt und konzentrieren sich auf sich selbst. Über Beziehungs- oder Gesundheitsprobleme zu reden, ist manchmal peinlich. Hier wird möglicherweise unbefangener über Gesundheitsvorsorge geplaudert oder über häusliche Gewalt diskutiert. Diese Vertrauenssituation machen sich nun einige soziale Programme zunutze. Damenfriseure sind natürlich keine Therapeuten, und viele vermeiden es, sich allzu sehr in das Privatleben ihrer Kundinnen einzumischen, aber sie können auf Hilfseinrichtungen aufmerksam machen und Frauen drängen, etwas zu ihrem eigenen Schutz zu unternehmen.

 

Im Jahr 2001 wurde Friseuren rund um San Francisco eine Weiterbildung angeboten. Sie lernten, Anzeichen von Missbrauch zu erkennen, und das Thema gegenüber der Kundin angemessen anzusprechen und der Frau einen Ausweg aus ihrer Situation aufzuzeigen. Sie konnten vorsichtig Informationen ins Gespräch einfließen lassen oder Broschüren im Wartebereich auslegen. Friseure und Salons gründeten ein Netzwerk für Sicherheit und Vorbeugung gegen Gewalt an Frauen. Sie erreichten damit viele Frauen, die anderenfalls gezwungen gewesen wären, Missbrauch oder lebensbedrohende Situationen weiter zu verheimlichen – und weiter zu ertragen.


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