In unserer Welt ist der Zugang zu Informationen der Schlüssel zum Erfolg. Egal, ob man nun landwirtschaftlicher Selbstversorger ist oder in der Fabrik arbeitet, es ist entscheidend, lesen und schreiben zu können. Für Analphabeten und Ungebildete sind die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft gering. Wenn wir wirklich eine friedliche und nachhaltige Weltgemeinschaft zum Ziel haben, dann müssen wir allen Menschen den Zugang zu Bildung und Wissen ermöglichen. Der indische Nobelpreisträger und Wirtschaftsexperte Amartya Sen, der an der Universität in Harvard lehrt, warnt: »Analphabetismus und Rechenschwäche sind eine größere Gefahr für die Menschheit als Terrorismus« (Brown 2006).
Unser vernetztes Zeitalter bietet völlig neue Werkzeuge, die Lehre und Lernen revolutionieren, die Mauern der Bibliotheken und Akademien niederreißen und den Zugang zu Wissen auf bislang ungeahnte Weise demokratisieren. Innovationen wie billige Laptops für Kinder oder Kleinbusse, die so ausgerüstet sind, dass die gewünschten Bücher direkt vor Ort gedruckt werden, überbrücken die digitale Kluft in Dörfern auf der südlichen Erdhalbkugel. Internet- Netzwerke erleichtern Lehrern die Vorbereitung ihres Unterrichts, weil sie Kursmaterial und Arbeitsblätter austauschen können. Die Open-Source-Bewegung bietet Fernstudien an, die es Menschen auf der ganzen Welt ermöglichen, im Selbststudium an westlichen Eliteuniversitäten dieselben Kurse zu besuchen – von Latein bis hin zu Laserholografie.
So klischeehaft es klingen mag: Wissen ist Macht. Für die Entstehung einer nachhaltigen, globalen Demokratie in den nächsten Jahren ist es wichtiger denn je zuvor, möglichst viele an dieser Macht teilhaben zu lassen. Die Voraussetzungen dafür, dass dies gelingt, sind besser als je zuvor.
Das Büchermobil
Sechs Monate im Jahr 2004 holperte ein allradgetriebener Kleinbus über die Schlaglochpisten des ländlichen Uganda. An Bord hatte er einen PC, einen Laserdrucker, eine Schneide- und eine Buchbindemaschine. Dieser Kleinbus, ein Büchermobil, lieferte über 6000 Bücher an Schulen, Heime und Bibliotheken in verarmte Gegenden Ugandas.
Woher kamen all diese Bücher? In erster Linie aus dem öffentlich zugänglichen »Internet Archive« (www.archive.org), einer nicht auf Gewinn ausgerichteten Online-Bibliothek. Das Archiv wurde gegründet, um kulturelle Werke und Daten zu bewahren, zu digitalisieren und allgemein zugänglich zu machen. Rund 300 000 Texte (Stand 2008) können kostenlos von allen Nutzern eingesehen, heruntergeladen und ausgedruckt werden. Viele Bücher, die uns Menschen im Westen aus der Kindheit vertraut sind, stehen jetzt in Ugandas Schulregalen. Zusätzlich finanzierte das Projekt in den Büroräumen der Nationalbibliothek in Kampala eine Buchbindewerkstatt und zwei Arbeitsplätze, an denen Mitarbeiter Lehrmaterial zum Beispiel über Aids, Landwirtschaft oder Erwachsenenbildung einscannen können, damit das Büchermobil sie später ausdruckt.
Das Pilotprojekt war ein Erfolg, aber natürlich tauchten auch Hindernisse auf. Die Bibliothekare und viele Lehrer waren begeistert, aber im aktuellen Lehrplan in Uganda wird wenig Wert auf Lesen gelegt. Also hatte das Büchermobil an den Schulen den größten Erfolg, an denen Lehrer eigenverantwortlich Lesestunden anregten. Auch mancher Kommunalpolitiker legte den Bemühungen Steine in den Weg. Nicht alle Beamten unterstützten den Gedanken, den Zugang zu öffentlichen Dokumenten zu verbessern, manche sahen darin sogar eine Bedrohung.
Natürlich können auch auftretende technische Probleme und die Wartungskosten der Geräte oder die hohen Verbrauchskosten bei Toner und Buchbindebedarf die Fortsetzung des Projektes immer wieder in Frage stellen.
Ungeachtet dieser Hindernisse breitet sich die Idee aus. Seit dem Pilotprojekt tuckern Büchermobile mittlerweile in Ghana, Indien und Ägypten über die Landstraßen.
Ein Laptop pro Kind
Auf dem Weltwirtschaftsforum 2005 in Davos, Schweiz, stieß Nicholas Negroponte, der amerikanische Computerforscher und Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) (http://mit.edu), auf ungläubiges Staunen, als er die Initiative »One Laptop per Child« (OLPC) ankündigte. Das ehrgeizige Projekt sieht vor, Laptops für weniger als 100 Dollar zu produzieren und kostenlos an Schulkinder auf der ganzen Welt zu verteilen.
Kaum ein Jahr später strafte Negroponte die Skeptiker Lügen: Der Prototyp »Green Machine« wurde bei einem Technologie-Gipfel der Vereinten Nationen in Tunesien präsentiert. Der Laptop läuft unter Linux-Software, verfügt über einen LCDFarbbildschirm, einen 500-Megahertz-Prozessor, drahtlosen Breitbandzugang zum Internet, ein DVD-Laufwerk und einen 500-Megabyte-Flashspeicher. Der Rechner kann mit den nächsten Nachbarn kommunizieren und spontan ein lokales Netzwerk bilden. Fernab von jedem Stromnetz kann die Batterie des Laptops mit einer Handkurbel problemlos aufgeladen werden. Größere Datenmengen können im Gerät nicht gespeichert werden.
Warum braucht jedes Kind einen Laptop? Weil es schwierig ist, in Entwicklungsländern Schulbücher für Kinder zu beschaffen. Negropontes Überlegung ist, ganz auf Lehrbücher zu verzichten. Ein einziger Laptop bietet Zugang zu weit mehr Texten als jede Schulbücherei – dazu kommen Multimedia-Inhalte, Spiele und interaktive Lernsoftware. Für die Kinder ist es sogar möglich, auf dem Computer eigene Medien zu gestalten. Das Hauptziel der Initiative ist es laut OLPC-Internetseite (http://laptop.org), »den Kindern auf der ganzen Welt neue Möglichkeiten zum Erforschen, Experimentieren und zur Selbstentfaltung zu bieten«.
Im November 2007 startete die Massenproduktion des grünen Laptops. Leider wurde der anvisierte Preis von 100 Dollar wegen der gestiegenen Rohstoffpreise nicht eingehalten, aber an einer Optimierung wird gearbeitet. Erste Erfahrun- gen haben gezeigt, dass der Internetzugang durch Filter begrenzt werden muss, damit Internetseiten mit kindergefährdenden Inhalten nicht geladen werden können.
Open-Source-Schulbücher
Schulbücher sind für Verlage ein lukratives Geschäft, aber ihre Beschaffung stellt für jedes Schulsystem eine hohe finanzielle Belastung dar. Deshalb gibt es Bestrebungen, den Schulen Open-Source-Bücher, also frei zugängliche Materialien, zur Verfügung zu stellen. Die Bücher erhalten durch ihre Autoren entweder eine so genannte Creative-Commons-Lizenz, oder Klassiker werden neu aufgelegt, deren Copyright abgelaufen ist (http://creativecommons.org). Das Projekt ist keineswegs nur auf Entwicklungsländer beschränkt, seit neuestem gibt es auf dieser Seite auch eine deutsche Sektion. Das kalifornische »Open Source Textbook Project« zum Beispiel will erreichen, dass die Ausgaben für Schulbücher durch die Entwicklung von Open-Source-Büchern halbiert werden. Die Bücher werden wie bei Wikipedia (www.wikipedia.de) und Wikibooks (www.wiki-books.org) gemeinsam geschrieben und müssen dem Bildungsstandard Kaliforniens entsprechen. Das Projekt erleichtert den Export von Bildungsmaterialien aus der entwickelten Welt in die Entwicklungsländer. Auf der Datenautobahn Internet ist vieles möglich.
Das OpenCourseWare-Projekt des MIT
Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat den größten Teil seiner Fernstudienunterlagen ins Web gestellt (http://ocw.mit.edu): Zusammenfassungen, Literatur, Aufgaben, Tests, Vorlesungsprotokolle, sogar Video-Aufnahmen von Vorlesungen. Seit dem Start Ende 2003 ist die Internetseite für OpenCourseWare auf 1800 Kurse angewachsen, die alle online verfügbar sind. Das Angebot ist breit gefächert und reicht von Architektur über Ingenieurswesen und Mediengestaltung bis hin zu den Naturwissenschaften und bietet so einen guten Zugang zum akademischen Wissen einer Spitzenuniversitätsausbildung – und das kostenlos, überall, jederzeit.
Studenten aus über 210 Regionen und Ländern nutzen die Kurse. Das MIT übersetzt aktuell die Materialien ins Spanische, Portugiesische, Chinesische und Thailändische. Internationale Online-Netzwerke rund um die Kursangebote sind entstanden. Und das Beste: Das Projekt basiert auf einer Open-License-Plattform, und alle Verbesserungen, Erweiterungen und Bearbeitungen der Kurse, die über die Plattform eingepflegt werden, stehen wieder allen kostenlos zur Verfügung. Das OpenCourseWare-Projekt des MIT gilt zu Recht als größter Einzelbeitrag zu der schnell wachsenden Open-Source-Bildungsbewegung.
Moodle – ein Open-Source-Softwarepaket für Lernportale
Das Online-Bildungsangebot wächst explosionsartig. Universitäten verleihen Hunderttausenden von Studenten einen Abschluss, die nie auch nur einen Fuß auf den Campus gesetzt haben. Das haben wir nicht zuletzt dem Australier Martin Dougiamas zu verdanken.
Nach einigen Jahren als Netzwerkadministrator für eine australische Universität wurde der Programmierer immer unzufriedener. Er ärgerte sich über die hohen Kosten und die schlechte Qualität der Online-Unterrichtsmaterialien, die kommerziell erhältlich waren. Also entwickelte Dougiamas im Jahr 1999 »Moodle«, ein kostenloses Open-Source-Softwarepaket, basierend auf anerkannten pädagogischen Grundlagen. »Lehrende sollen bei der Entwicklung wirkungsvoller Online- Lerngemeinschaften unterstützt werden«, heißt es auf der Internetseite (http://moodle.org). Wie bei so vielen Open-Source-Projekten stürzte sich ein Schwarm Freiwilliger leidenschaftlich auf das Projekt und beteiligte sich an der Überarbeitung und Weiterentwicklung zu einem leistungsfähigen und umfangreichen Werkzeug für interaktive Online-Lernumgebungen.
Heute wird »Moodle« von Universitäten, weiterführenden Schulen und Bildungszentren genutzt. Der Trend, den Zugang und die Instrumente des Lehrens und Lernens allen in gleichem Maße zu öffnen – sei es an einer westlichen Universität oder in einem Dorf irgendwo auf dem Globus –, verändert in der Tat die Welt. »Moodle« ist ein Puzzleteilchen dieser Entwicklung.


