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Montag, 12. Oktober 2009 11:01 Uhr
Kategorie: Interview, TopThema

Von: AH

Auf den Spuren des Kormorans

care&click traf den Fotografen Florian Möllers und sprach mit ihm über seine Arbeit, bei der er sich intensiv mit Kormoranen beschäftigt hat. Dabei klärte unter anderem auch gleich den so genannten „Kormoran Konflikt“ auf.

Bild: Florian Möllers

Anlässlich der im Oktober 2009 veröffentlichten Neuerscheinung Ihres Buches „Der Fall Kormoran“, zeigt care&click eine dazugehörige Bilderreihe. Was interessierte Sie als Fotograf an einer Bildreportage über den Kormoran?


Der Konflikt zwischen Mensch und Natur. Auf der einen Seite ein Vogel, der fast ausgestorben war in Europa und dann dank rigoroser Schutzmaßnahmen und seiner fantastischen biologischen Grundausstattung in nur 30 Jahren ganz Europa besiedelt hat. Auf der anderen Seite die Lager der Kormoranunterstützer und die der Kormorangegner, ihre Argumente, Erfahrungen und existenziellen Nöte.

 

Hat sich der Kormoran gerne von Ihnen fotografieren lassen?

 
Manchmal konnte ich mich ihnen vorsichtig nähern, ohne sie zu stören. Auf Inseln zum Beispiel, wo sie kaum Kontakt mit Menschen haben. Ansonsten sind sie ziemlich scheu. Für viele Bilder habe ich aus einem schwimmenden Tarnzelt gearbeitet oder aus einem, das am Rande einer Kolonie postiert war.

 

Was genau charakterisiert den Kormoran in Deutschland äußerlich? Wie ist seine Lebensweise, ist er eher ein Einzelgänger oder ein Gemeinschaftstier, wo überwintert er und was frisst er?


Kormorane sehen fast überall in Europa völlig gleich aus. Es gibt zwei Unterarten, die sich aber kaum äußerlich unterscheiden lassen. Faszinierend ist der Blick aus nächster Nähe ins Gesicht des Kormorans zur Balzzeit im Winter: smaragdgrünes Auge mit blauem Rand, gelbe, rote und orange Farbtöne rund um den Schnabel und der Kopf mehr oder weniger stark gesprenkelt mit weißen Schmuckfedern. Aber auch sonst ist das Gefieder bemerkenswert nicht-schwarz: es schimmert bronzefarben, tiefblau oder grünlich.
Kormorane brüten in Kolonien und sind auch während des Winters oder zur Zugzeit selten allein unterwegs. Jungvögel ziehen nach dem Flüggewerden oft in Gruppen umher.
Vögel, die in kalten Regionen Skandinaviens, Polens oder des Baltikums brüten, verlassen im Herbst ihre Brutgebiete und ziehen west- oder süd/südostwärts. Viele überwintern im Mittelmeerraum, viele aufgrund der milden Winter aber seit Jahren auch in Deutschland.


Ein ausgewachsener Vogel braucht etwa 500g Fisch pro Tag. Überwiegend Weißfische wie Rotaugen und Rotfedern, Brachsen oder andere. Wie bei vielen Top-Beutegreifern geht es auch bei seinem Nahrungserwerb um Effizienz: was ist vorhanden, in welcher Menge und wie komme ich am schnellsten dran.

Im Winter, wenn größere Stillgewässer zugefroren sind, weicht er in Deutschland gerne auf Flüsse aus. In kleinen Gewässern kann er dann unter bestimmten Fischarten wie der bedrohten Äsche sehr schnell große Schäden anrichten. Das gilt auch für Teichwirtschaften, wo die Vögel besonders im Sommer einen Großteil des Fischbestandes wegfressen und auch stark verletzen können, so dass diese Fische für den Verkauf ungeeignet sind.

 

In Zeitungen und Berichten ist die Rede vom „Kormoran-Konflikt“. Wer steht hier wem gegenüber und was sind Ihrer Meinung nach die zentralen Streitfragen?


Die Einen wollen den Schutzstatus des Vogels nicht weiter lockern und lehnen entweder alle oder einen Teil der gesetzlich erlaubten Vergrämungsmaßnahmen ab. Vergrämung beinhaltet das Vertreiben von Kormoranen durch laute Geräusche, aktives Stören durch Mensch, aber auch die so genannte „letale Vergrämung“: Zum Beginn der Brutzeit werden Kolonien in kalten Nächten mit Lasergewehren oder durch menschliche Aktivitäten in der Kolonie gestört. Die Altvögel verlassen das Nest, die Eier kühlen aus, die Embryonen sterben ab. In Kolonien von Bodenbrütern wird auch das Einölen von Eiern eingesetzte. Das Öl verschließt die Poren der Eier, die Embryos sterben ab, die Kormorane aber brüten weiter und bemerken den Verlust erst, wenn es für ein zweites Gelege zu spät ist.

Auf der Gegenseite stehen diejenigen, die direkt oder indirekt von Schäden betroffen sind, die Kormorane in ihren Betrieben oder Gewässern verursachen.

Zwei Fragen stellen sich:

Wie wichtig ist unserer Gesellschaft das Wohlergehen einer einst nahezu ausgerotteten Art, die inzwischen wieder gut etabliert ist im Vergleich zu Arten wie der Äsche, die in diesem Fall durch den Kormoran stark bedroht werden?

Und wie wichtig ist unserer Gesellschaft der Erhalt von Teichwirtschaft, Fischerei

und Angelsport als Wirtschaftszweig wie auch als regionales Kulturgut?

Wie kommt es, dass es in diesem Konflikt so starke Abweichungen von Behauptungen zum Beispiel zu Beutespektrum und Fraßmengen bei den unterschiedlichen Parteien gibt?


Da kann ich nur spekulieren, denn der Kormoran ist die am besten untersuchte Vogelart Europas.

Die wichtigsten Daten zu Verbreitung, Lebensweise und Ernährung sind einer breiten Masse über Medien wie das Internet zugänglich.

Natürlich stehen persönliche Interessen unter Umständen wissenschaftlich belegten Funden gegenüber. Ich habe allerdings in den letzten zwei Jahren die Erfahrung gemacht, dass sich beide Parteien in dem Konflikt um die Verbreitung von und die Argumentation mit gesicherten Fakten bemühen.



Der Kormoran als Sündebock? Wie stehen Sie nach Ihrer Reportage zu dieser Aussage?

Als Sündenbock macht sich der Kormoran gar nicht gut. Er profitiert lediglich von Entwicklungen, die allein wir Menschen zu verantworten haben. Die Art und Weise wie wir in den vergangenen Jahrzehnten in Europa Gewässer begradigt, Auwälder und Ufer zerstört, Fischbestände geschröpft und die Fischwirtschaft industrialisiert haben, passt perfekt zur Lebensweise, zur Leistungsfähigkeit und zur Jagdstrategie des Kormorans. Diesem zusätzlichen Druck sind einige Fischarten in unseren Gewässern nicht mehr gewachsen, weil sie durch die oben geschilderten Eingriffe des Menschen bereits stark dezimiert wurden und die Gewässer ihnen nur selten Möglichkeiten bieten, den Kormoranen auszuweichen.

 

Als ich die Luftaufnahmen von durch Kormorane bevölkerten Inseln gesehen habe, musste ich an die Filme von Hitchcock denken. Er machte in „Die Vögel“ und zahlreichen anderen seiner Filme die Angst durch Angriffe von Vögeln zum Thema. Meinen Sie, dass im „Kormoran-Konflikt“auch tiefere, kulturgeschichtliche Ängste eine Rolle spielen und wenn ja, inwiefern?

Grundsätzlich glaube ich das nicht.

Auch die schwarze Farbe und mögliche Assoziationen damit sind meiner Ansicht nach nicht ausschlaggebend für die negative Haltung, mit der einige Menschen dem Vogel heute begegnen. Die Gefiederfarbe unterstützt natürlich negativ behaftete Wortspiele wie „Die Schwarzen Ratten der Lüfte“, „Die Schwarze Pest“ und ähnliche, wie ich sie immer wieder gehört habe. Kormorane brüten in fast allen Fällen in der freien Landschaft und nicht in unmittelbarem Umfeld des Menschen, wo sie allein aufgrund ihrer Zahl (einige Kolonien haben über 10.000 Brutpaare) Ängste verursachen könnten.


Wie ist denn im Moment die Bestandssituation des Kormorans?


Zählungen von 2008 sprechen von 800.000 bis 1 Million Vögeln in Europa. In einigen Ländern (Baltikum, Südosteuropa) breitet sich der Vogel weiter aus. In den früher besiedelten Ländern sind die Bestände seit Jahren stabil. Der Vogel ist längst nicht mehr bedroht.

Unterscheidet sich Ihrer Meinung nach der Umgang mit dem Kormoran in anderen Ländern gegenüber dem in Deutschland?


Zum Teil ganz erheblich: in Asien wird der Vogel immer noch und wie schon seit Jahrtausenden als Helfer des Menschen beim Fischfang genutzt. Hier leben und arbeiten Kormoran und Mensch sehr eng zusammen.
Die Niederlande lehnen jegliche Form der Vergrämung und Bestandskontrolle ab, während in Deutschland unterschiedliche Vergrämungsmaßnahmen durchgeführt wurden und erlaubt sind. Es gibt in Europa keine einheitliche Haltung und gesetzliche Grundlage zum Umgang mit dem Vogel.

 

Was hat die Fotografie in solch einer Situation wie den Kormoran-Konflikt Ihrer Meinung nach für Möglichkeiten?

 
Als Fotograf habe ich den Vorteil, eine neutrale Position beziehen zu können und das zu zeigen, was das Thema Kormoran umgibt. Im Zusammenhang betrachtet ergibt sich hoffentlich ein ausgewogeneres Bild des Konfliktes, das die Kontrahenten zusammenbringt oder Verständnis schafft für die jeweilige Gegenseite und so eine sachliche Diskussion ermöglicht.

 

Am Ende vielleicht eine eindrückliche, Ihnen im Gedächtnis geblieben Szene zwischen Mensch und Kormoran?


Im Herbst 2004 war ich dabei, wie ein Teichwirt in Schleswig Holstein mit Tränen in den Augen und Wut im Bauch seine nahezu leer gefressenen Teiche abfischte. Nur 10% der wertvollen Bio-Karpfen hatten die Kormoranbesuche überlebt und waren noch verkaufsfähig. Jahrelange Arbeit umsonst, ein Schaden von 40.000 EURO und der Entschluss, alles hinzuschmeißen. Ein Überspannen der Teiche mit Netzen ist bei großen Wasserflächen sehr teuer und wird nicht unterstützt oder gar verboten, weil andere Vögel in den Netzen zu Schaden kommen könnten. Wenn so ein Mensch dann hört, er müsse mit den Kormoranen leben wie ein Landwirt mit schlechtem Wetter, dann bringt mich das sogar als Außenstehenden zur Weißglut.

In diesem Fall war der Fischwirt allerdings clever genug, einen Weg um alle gesetzlichen Einschränkungen herum zu finden. Heute betreibt er wieder seine Anlage, zum Teil überspannt, zum Teil offen, damit Vögel wie der Kormoran dort auch weiterhin jagen können. Das ist aber ein absoluter Einzelfall.Ich wünsche mir deshalb dringend, dass die Betroffenen ein deutliches Mehr an unbürokratischer und finanzieller Hilfe vom Gesetzgeber erhalten.


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